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Rezension: Sachbuch : Neues Schlachtfeld?

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Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht seit dem 11. September und dem "Krieg gegen den internationalen Terrorismus" Afghanistan, nicht dessen nördliche Nachbarstaaten. Diese zentralasiatische Region (Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan) verdient jedoch höchste Aufmerksamkeit.

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          Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht seit dem 11. September und dem "Krieg gegen den internationalen Terrorismus" Afghanistan, nicht dessen nördliche Nachbarstaaten. Diese zentralasiatische Region (Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan) verdient jedoch höchste Aufmerksamkeit, könnte sie doch "zum neuen Schlachtfeld mit globaler Bedeutung" - so Autor Rashid - werden. Dort liegen die letzten großen, noch unerschlossenen Energievorräte (Öl und Erdgas), die die großen Ölkonzerne magisch anziehen; dort konkurrieren die multiethnischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion um regionale Vorherrschaft und die Weltmächte und die großen Nachbarstaaten um Macht und Einfluß; und dort operieren die radikalen islamischen Bewegungen, um die autoritären, diktatorischen heimischen Regime zu stürzen und ein auf die Scharia gestütztes Gesellschafts- und Staatssystem zu errichten.

          Im Bürgerkrieg in Tadschikistan (1992-1997) hatte mit der "Partei der Islamischen Wiedergeburt" zum ersten Mal eine einheimische islamistische Bewegung in Zentralasien versucht, gewaltsam an die Macht zu kommen, und zwar unterstützt von Pakistan und Saudi-Arabien (während gleichzeitig Rußland und der Iran die tadschikischen Kämpfer im afghanischen Bürgerkrieg gegen die Taliban unterstützten). Nach dem Friedensabkommen und der Bildung einer Koalitionsregierung in Tadschikistan erfolgte die Gründung und begann der spektakuläre Aufstieg der "Islamischen Bewegung Usbekistans" (IMU); der usbekische Feldherr Namangani, der mit seinen Männern in der IMU mitgekämpft hatte, lehnte den Kompromiß ab und setzte nun den Kampf in Konzentration auf sein Heimatland fort, unterstützt von dem Taliban-Regime und Bin Ladins Organisation in Afghanistan, wo zugleich IMU-Gruppen gegen die tadschikische Nordallianz mitkämpften. Nach der Erklärung des Dschihad gegen das Karimow-Regime hat der charismatische Führer der IMU, der als Unteroffizier der sowjetischen Armee im Afghanistan-Krieg seine islamische Bekehrung erlebt hatte, von Afghanistan beziehungsweise dem tadschikischen Tawildara-Tal aus Jahr für Jahr seine Offensiven gegen Usbekistan geführt - mit dem strategischen Ziel, das Fergana-Tal zu erobern. Dieses fruchtbare Tal, das Stalin unter die drei Sowjetrepubliken Usbekistan, Kirgisien und Tadschikistan zur Machtsicherung aufgeteilt hatte und in dem 20 Prozent der Gesamtbevölkerung Zentralasiens leben, war stets das Zentrum des politischen und kulturellen Islams in Zentralasien und wurde in den neunziger Jahren zur Wiege und Rekrutierungsbasis der islamischen fundamentalistischen Gruppen.

          Der pakistanische Journalist Rashid beschreibt und interpretiert diese Entwicklungen mit ihren verschiedenen Verästelungen in einer Weise, die auch dem interessierten politischen Laien verständlich ist. Die historischen Hintergründe werden knapp skizziert: die zaristische Kolonialpolitik, die lange Geschichte der sowjetischen Repression und die Entwicklung des islamischen Widerstands, der Zusammenhang zwischen der sowjetischen Militärintervention in Afghanistan in den achtziger Jahren und dem von den Vereinigten Staaten, Pakistan und Saudi-Arabien unterstützten Kampf der Mudschaheddin, die Übertragung der Guerrillatätigkeit auf Tadschikistan und Usbekistan und schließlich die Islam-Renaissance in Zentralasien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Im Mittelpunkt des Buches stehen die drei großen islamistischen Organisationen des radikalen Islam in Zentralasien: die Partei der islamischen Wiedergeburt (PIW), die Hizb ut-Tahrir (HT) und die Islamische Bewegung Usbekistans (Islamic Movement of Uzbekistan, IMU).

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