https://www.faz.net/-gqz-2o6o

Rezension: Sachbuch : Neues aus dem Koffer

  • Aktualisiert am

Dokumente des wechselvollen Lebens von Oskar Schindler

          2 Min.

          Erika Rosenberg (Herausgeberin): Ich, Oskar Schindler. Die persönlichen Aufzeichnungen, Briefe und Dokumente. Mit 35 Fotos und zahlreichen Dokumenten. F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2000. 448 Seiten, 49,90 Mark.

          Oskar Schindler ist durch Steven Spielbergs Kinofilm "Schindlers Liste" einem breiten Publikum seit Anfang der neunziger Jahre bekannt geworden: Der deutsche Unternehmer rettete im Zweiten Weltkrieg mehr als 1300 Juden vor dem sicheren Tode, indem er sie als Zwangsarbeiter für angeblich "kriegswichtige" Produktionen in seinen Betrieben reklamierte.

          Weniger bekannt waren bislang Schindlers Herkunft und sein wechselvolles Leben nach Kriegsende. Mehr dazu erfährt man durch seine nachgelassene Korrespondenz, die im Jahre 1999 in einem Koffer auf einem Dachboden in Hildesheim entdeckt worden war. Erika Rosenberg, Journalistin in Argentinien und Vertraute der in dem südamerikanischen Land lebenden Witwe Oskar Schindlers, hat dessen persönliche Aufzeichnungen sachkundig zusammengestellt und einfühlsam kommentiert.

          Die Dokumentation enthält neben dem umfangreichen Briefwechsel mit jüdischen Organisationen und den "Schindler-Juden" zahlreiche Berichte über die Kriegszeit sowie Schindlers berühmte Liste, Pläne seiner Fabriken in Krakau und Brünnlitz, Geschäftsbilanzen, Vermögensverzeichnisse, Filmpläne und schließlich medizinische Gutachten zu Schindlers Herz-Kreislauf-Beschwerden, die im Jahre 1974 zu seinem Tode im Alter von 64 Jahren führten.

          Bilanziert man die überlieferten Zeugnisse nach ihrer zeitgeschichtlichen Relevanz, ergeben sich Erkenntniszugewinne über die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zunehmende Korruption bei den deutschen Besatzungsbehörden im allgemeinen und der SS im besonderen. Diese Umstände erleichterten es dem couragierten Unternehmer Schindler, durch Bestechung einzelner SS-Führer zahlreiche jüdische Zwangsarbeiter vor deren Deportation in die Vernichtungslager zu bewahren.

          Neues erfährt der Leser ferner über Schindlers langjährigen Kampf um Entschädigung aus dem Lastenausgleich und um Rentenzahlungen in den Jahren nach 1949. Seine Enttäuschung geriet allmählich zur Verzweiflung angesichts der sich häufenden finanziellen und gesundheitlichen Schwierigkeiten in der Nachkriegszeit. Groß und nachhaltig war allerdings die Hilfsbereitschaft der "Schindler-Juden" gegenüber ihrem Retter. Die lange und ziemlich verwickelte Geschichte des Filmprojekts "Schindlers Liste" verfolgte Oskar Schindler seit 1951. Dessen Verwirklichung erlebte er aber infolge seines frühen Todes nicht mehr.

          Das lesenswerte Buch ist in der Summe aller Zeugnisse ein document humain. Es zeigt Oskar Schindler nicht nur als einen der "Gerechten" in einer Zeit des Unrechts, sondern auch als facettenreiche Persönlichkeit mit all ihren Schwächen.

          Laut Verlagsankündigung bleibt die "komplette Auflistung und Bearbeitung der Fundstücke aus dem Koffer" einer wissenschaftlichen Publikation vorbehalten. Diese Absichtserklärung ist um so begrüßenswerter, als eine historisch-kritische Ausgabe dann auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann.

          HANS-JÜRGEN DÖSCHER

          Weitere Themen

          Aus einem deutschen Malerleben

          Radziwill-Ausstellung : Aus einem deutschen Malerleben

          Die meisten seiner Bilder hat Franz Radziwill nach seiner Karriere im Nationalsozialismus verändert. Das Landesmuseum Oldenburg zeigt aber auch seine unangepassten frühen Werke.

          Gewinner der Krise

          BBC in Coronazeiten : Gewinner der Krise

          Anfang des Jahres sah es schlecht aus für die BBC. Downing Street ging offen in die Konfrontation, die Abschaffung der Rundfunkgebühr stand im Raum. Nun wendet sich in der Krise das Blatt.

          Topmeldungen

          Unabgestimmt, undeutlich, widersprüchlich: Bodo Ramelow

          Schluss mit Lockdown? : Ramelows Corona-Populismus

          Ramelow wollte den Ost-Laschet geben und ist damit gründlich auf die Nase gefallen. Aber der Unfall zeigt, was auf die Politik noch zukommt. Denn die Thüringer Perspektive werden früher oder später alle Länder haben.

          Dortmunds Emre Can : „Was haben wir denn falsch gemacht?“

          Emre Can ist Führungsspieler in Dortmund. Vor dem Topspiel spricht er über das beschädigte Image der Fußball-Profis in Corona-Zeiten, seine Jahre beim FC Bayern und mit Jürgen Klopp sowie Gianluigi Buffon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.