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Rezension: Sachbuch : Mut zur Macht

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Eine Biographie des Soldaten und Staatsmannes Charles de Gaulle

          4 Min.

          Peter Schunck: "Charles de Gaulle". Ein Leben für Frankreichs Größe. Propyläen Verlag, Berlin 1998. 704 Seiten, Abbildungen, 68,- Mark.

          Über Charles de Gaulle sind sich die Franzosen im Grunde einig. Seine politischen Vorstellungen, die sich in den Begriffen "nationale Unabhängigkeit" und "staatliche Souveränität" zusammenfassen lassen, finden in Frankreich, über die Parteigrenzen hinweg, allgemeine Zustimmung. Die eigene nukleare Abschreckungsmacht, vulgo: "Force de frappe", strategischer Ausdruck dieser Vorstellungen, wird von niemandem in Frage gestellt, die Kommunisten nicht ausgenommen. Nur Ausländer können sich darüber wundern, daß ein einstiger Weggefährte Che Guevaras wie Régis Debray einen Essay zum Lobe de Gaulles schreibt ("Demain de Gaulle", 1990) oder daß der Gründer der sozialistischen "Bewegung der Staatsbürger", der Innenminister Chevènement, sich in seiner Europa-Politik auf den General beruft. An de Gaulle scheiden sich in Frankreich die Geister nicht länger.

          Die Deutschen haben dagegen bis heute Schwierigkeiten, de Gaulle richtig einzuschätzen. Vielleicht liegt das daran, daß der Politiker de Gaulle zwischen 1946 und 1958 eine lange "Durststrecke" zurücklegen, daß er fern von politischen Entscheidungen seine Stunde abwarten mußte. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß es den Deutschen schwerfällt, einem historischen Gebilde namens "Nationalstaat" noch gute Seiten abzugewinnen. Der Führer des "Freien Frankreich" und der Gründer der Fünften Republik aber gilt zu Recht als Verkörperung des Nationalstaats. So erschien und erscheint er den Nachbarn als ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts, als Chauvinist, als nicht ganz ernst zu nehmender Don Quichotte, als schlechter Europäer - als hätten sie ihm die kühle Selbstverständlichkeit, mit der er, zum Nutzen Frankreichs, am Tisch der Sieger Platz nahm, nie ganz verziehen.

          Dieses tiefsitzende Unverständnis der Deutschen gegenüber einer der großen Gestalten dieses Jahrhunderts mag Peter Schunck bewogen haben, eine Lebensbeschreibung Charles de Gaulles vorzulegen. Denn die "definitive" Biographie aus der Feder Jean Lacoutures, vor anderthalb Jahrzehnten erschienen, sperrt sich durch ihren Umfang von drei Bänden und ihren auch französische Leser überfordernden Detailreichtum gegen die Übertragung, und die respektlos-kritische Darstellung Reinhard Kapferers: "Charles de Gaulle. Umrisse einer politischen Biographie" (Stuttgart 1985) sollte nicht das letzte Wort sein. Schunck, 1928 geboren, hatte an der Universität Mainz den Lehrstuhl für französische Sprache und Kultur inne und schrieb eine "Geschichte Frankreichs von Heinrich IV. bis zur Gegenwart".

          Der Autor versucht nicht, bislang unerschlossene Quellen aufzuspüren. Er benutzt die überreiche De-Gaulle-Literatur, die keinen Aspekt seines Wirkens und seiner Wirkung unberücksichtigt läßt. Vor allem aber zieht er eigene Äußerungen de Gaulles heran, aus den Erinnerungen, den Reden, aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen. Auch aus Unterredungen mit vertrauten Mitarbeitern wie Alain Peyrefitte, der seine allabendlichen Gesprächsprotokolle vor einigen Jahren veröffentlicht hat. De Gaulles Charakterisierung Mitterrands etwa, wie sie Peyrefitte zitiert, läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Man weiß: So sah de Gaulle ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Persönlichkeit, so wollte er sie der Nachwelt überliefert wissen. Das Porträt, das der Autor malt, ist also in den großen Zügen und manchmal in Nuancen vom Dargestellten selbst vorgezeichnet, erweckt aber nicht den Eindruck, geschönt zu sein.

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