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Rezension: Sachbuch : Mit Glaubwürdigkeitsproblemen

  • Aktualisiert am

Der gelernte Schauspieler als Selbstdarsteller

          Wolfgang Welsch: Ich war Staatsfeind Nr. 1. Als Fluchthelfer auf der Todesliste der Stasi. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001. 445 Seiten, 49,80 Mark.

          An Staatsfeinden fehlte es der DDR nicht. Zu den Feinden, die vom dortigen Regime mit besonderer Brutalität und Konsequenz verfolgt wurden, zählten die Fluchthelfer, vor allem die professionellen - im Stasi-Jargon: "Kriminelle Menschenhändlerbanden" (KMHB). Wolfgang Welsch und seine Helfer haben in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre nach eigenen Angaben fast zweihundert Deutschen aus der DDR zur Flucht in den Westen verholfen. Dabei verwahrt er sich gegen die Unterstellung, Fluchthilfe sei für ihn ein Geschäft gewesen. Er habe nur aus patriotischen Motiven gehandelt.

          Immerhin hat sich Welschs Lebensstandard in dieser Zeit deutlich gebessert. Entsprechend war die Reaktion des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS): Auf Welsch wurden in den Jahren 1979 bis 1981 drei Mordanschläge verübt, die auf das Konto der Staatssicherheit gehen und von denen vor allem der dritte - eine Vergiftung mittels Thallium - Welsch und seine Familie beinahe das Leben gekostet hätte. Der Haupttäter wurde wegen dieses Mordversuchs nach der Wende zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Dies und manche Einzelheiten der Fluchthilfe-Aktionen schildert Welsch ausführlich. Die Sympathien des Lesers sind dabei im allgemeinen auf seiner Seite, weil die Flucht aus dem kommunistischen Zwangsstaat und deren Unterstützung natürlich im Westen Deutschlands nicht strafbar waren und als Reaktion auf den Mauerbau von 1961 damals wie heute mit Recht als legitim, ja verständlich angesehen wurde und wird.

          Wenn man das Buch dennoch mit gemischten Gefühlen liest, so liegt das zum einen an dem Umgang des Autors mit manchen nicht unwichtigen Details, die oft so nicht stimmen oder jedenfalls sehr unwahrscheinlich sind. Zum anderen liegt es aber an seiner als peinlich zu bezeichnenden Selbstgefälligkeit. Vor seinem Engagement als Fluchthelfer hat Welsch insgesamt sechs Jahre und acht Monate in der DDR in Untersuchungs- und Strafhaft verbracht, bis er im März 1971 in den Westen Deutschlands entlassen wurde. Dieser Haftzeit lagen drei Verurteilungen zugrunde. Die erste betraf einen Fluchtversuch im Mai 1964 mit Hilfe eines auf seine Person ausgestellten, nicht gefälschten westdeutschen Personalausweises, den der damals 20jährige bekennende Antikommunist Welsch vor dem Mauerbau bei einem Aufenthalt in Westdeutschland erhalten haben will. Warum er damals in die DDR zurückgegangen ist, wüßte man schon gern.

          Seine zweite Verurteilung erfolgte im April 1966, noch in der Haft, unter anderem wegen "staatsgefährdender Hetze" und "Verbindungsaufnahme zu verbrecherischen Organisationen". Er hatte versucht, Kassiber aus dem Gefängnis zu schmuggeln. In dieser Zeit habe ihn vor allem die Aussicht auf Freikauf aufrechterhalten. Um so mehr erstaunt, daß Welsch sich im September 1967, als die Entlassung in den Westen tatsächlich möglich wurde, für einen Verbleib in der DDR entschied. Warum? Er habe, so erzählt der gelernte Schauspieler jetzt, beschlossen, in der DDR weiterhin Widerstand zu leisten. In einem noch zu drehenden Dokumentarfilm wollte er die Verletzung des Potsdamer Abkommens durch den SED-Staat anprangern. Durfte ein Mann mit seinen Erfahrungen wirklich so naiv sein? Tatsächlich wurde Welsch nur zwei Monate später erneut verhaftet und diesmal zu fünf Jahren Freiheitsstrafe wegen staatsgefährdender Hetze durch Vorbereitung eines "hetzerischen Films" verurteilt. Was seine "wirklichen Aktivitäten" waren, die angeblich nicht entdeckt wurden, bleibt unklar.

          Welsch wurde 1971 erneut entlassen - dieses Mal mit seinem Einverständnis in den Westen. Seine in der Bundesrepublik im Fernsehen und in Seminaren vorgetragenen Hafterlebnisse wurden von Fachleuten mit Skepsis aufgenommen. Walter Rosenthal vom Gesamtdeutschen Institut hielt Welschs Schilderungen zumindest für maßlos übertrieben und machte seine Bedenken aktenkundig. Rosenthal - und nicht der Präsident des Instituts, wie Welsch meint - war es auch, der die von Welsch behaupteten "Tigerzellen" in der Haftanstalt Brandenburg (nicht in anderen Gefängnissen) bezweifelte. Das kann einem Vorgang im Bundesarchiv entnommen werden.

          Welsch gefällt sich in der Rolle des einsamen Kämpfers gegen den Kommunismus und gegen alle Behörden, die ihn dabei nach seinem Eindruck nicht genug unterstützten. Dazu zählen das Auswärtige Amt, aber auch Institutionen der Strafverfolgung, überhaupt alle Juristen, die er für "die pure Pest" hält. Noch schlimmer ist sein Urteil über seine Familie. Seine Frau habe ihn "verraten", als er sie zusammen mit der kleinen Tochter auf eine Kurierfahrt nach Sofia schickte, um gefälschte Pässe zu überbringen. Sie wurde vom bulgarischen Sicherheitsdienst festgenommen. Daß er selbst dabei unverantwortlich gehandelt haben könnte, kommt ihm nicht in den Sinn.

          Seine Tochter stellte er zur Rede, warum sie nicht den Liebhaber ihrer Mutter am Betreten des Hauses gehindert habe. Sein Bruder "hatte sich früh mit der Diktatur arrangiert . . . wie schon unser Vater." Dem Vater macht er zum Vorwurf, er sei im "Unternehmen Barbarossa" 1941 bis kurz vor Moskau mitmarschiert. Kritik habe der Vater nicht ertragen; nur seine Meinung sei die richtige gewesen. Der Leser hat den Eindruck, das könnte in dieser Familie erblich sein.

          Fazit: Welsch legt einen spannenden Politkrimi vor, der Einblicke in die Arbeitsweise der Fluchthelfer und des MfS, aber auch in den Charakter des Autors bietet. Der zeitgeschichtlich interessierte Leser sollte sich allerdings auf Einzelheiten der Darstellung nur dann verlassen, wenn sie durch andere Quellen bestätigt werden.

          DETLEF KÜHN

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