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Rezension: Sachbuch : Mit Fragezeichen

  • Aktualisiert am

Ein journalistischer Erfahrungsbericht aus Algerien

          Samuel Schirmbeck: Hinter den Schleiern von Algier. Hoffmann und Campe, Hamburg 1996. 431 Seiten, 44,- Mark.

          Samuel Schirmbeck war einer der letzten europäischen Journalisten, die ständig und mit festem Wohnsitz in Algier über Algerien berichteten. Er blieb auch dann noch dort, als Fundamentalisten ihm einen Zettel mit der Todesdrohung "Condamnation à mort" unter die Tür seines Appartements geschoben hatten. Inzwischen hat er seinen festen Wohn- und Arbeitsplatz in Rabat, fährt aber noch häufig zur Berichterstattung in das längst auch für Ausländer lebensgefährliche Algerien. Über seine Erlebnisse als Reporter in Algerien von 1991 bis Anfang 1996 und die wichtigsten politischen - meist terroristischen - Ereignisse in dem nordafrikanischen Land hat Schirmbeck jetzt ein Buch veröffentlicht.

          Er erzählt von immer neuen terroristischen Anschlägen, von Vergeltungsaktionen der Polizei und den Tausenden unschuldigen Menschen, die in Algerien in den vergangenen Jahren getötet wurden. Manche der Ermordeten - Intellektuelle, Journalisten, Politiker - hat er gekannt, hat noch kurz vor ihrem Tod mit ihnen gesprochen. Der Korrespondent und sein Kameramann wurden auch beschossen, wenn sie durch die engen Straßen der Kasbah Algiers fuhren. In dem Buch finden sich hin und wieder kurze Absätze in Form von abschließenden Fernsehtexten: "Ein integrer Präsident, öffentlich ermordet, unschuldige Menschen, von einer Bombe zerfetzt - die Algerier fühlen sich endgültig von blutiger Finsternis umstellt." So etwa mußten sich die Algerier nach der immer noch nicht ganz aufgeklärten Ermordung des Präsidenten Boudiaf durch einen seiner Leibwächter und dem blutigen Massenattentat auf dem Flughafen tatsächlich fühlen.

          Schirmbeck geht nicht streng chronologisch vor; vorwiegend beschreibt und erzählt er. Teile des Bandes lesen sich wie Tagebücher der Fernseharbeit. Doch versucht der Autor natürlich auch zu ergründen - eher erfolglos -, warum all diese scheußlichen Dinge jetzt in Algerien geschehen; oft tut er es mit Zitaten algerischer Intellektueller und Journalisten. Der radikale islamische Integrismus ist - das scheint Schirmbecks These zu sein - nicht in erster Linie eine vernunftfeindliche Reaktion auf die westliche Zivilisation und Demokratie, vielmehr ein Aufbegehren gegen die lange alles in Algerien bestimmende Einheitspartei "Nationale Befreiungsfront" (FLN) und die mit ihr verbundene Armee. Die Annullierung der Wahlen, bei denen im ersten Durchgang die "Islamische Heilsfront" (FIS) einen überwältigenden Sieg erreichte, verstärkte sicher die radikalen Elemente in den fundamentalistischen Gruppen. Andererseits: Dem sich gemäßigt gebenden FIS-Führer Abassi madani traut auch Schirmbeck nicht. Selbst wenn die Gemäßigten im FIS die Oberhand behalten hätten, wären dann die nicht integristische, die europäische Bevölkerung und das demokratische Regierungssystem respektiert worden? Nur wenige Algerier können das glauben.

          Bei der Schuldverteilung schaut Schirmbeck vielleicht zu oft und zu weit zurück. Sicher war Algerien unter Ben Bella und Boumedienne ein Staat mit totalitären Zügen, sicher hatte Frankreich ein hartes ungerechtes Kolonialsystem durchgesetzt. Doch allzu eilfertig geben Schirmbecks algerische Gesprächspartner, wenn sie einfach nicht erklären können, was heute in ihrem Land vorgeht, den Franzosen die Schuld. Doch die brutalen Terroristen der "Bewaffneten Islamischen Gruppe" (GIA) wissen sicher nur wenig über die Kolonialzeit und sind auch indirekt schwerlich von ihr geformt worden.

          Das Buch endet mit einem Hoffnungsschimmer: Schirmbeck bescheinigt dem mit über 60 Prozent der Stimmen gewählten Präsidenten Zeroual den Willen zu einer Politik der Aussöhnung und sieht bei führenden FIS-Politiker, wie dem im deutschen Exil lebenden Rabah Kéber ebenfalls Gesprächsbereitschaft. Heute, ein Dreivierteljahr nach der Wahl Zerouals, hat die Politik mit friedlichen Mitteln, haben die Versuche der Annäherung noch keine Fortschritte erzielt. Offenbar sind die zum Kompromiß unfähigen Gruppen auf beiden Seiten - die GIA bei den Fundamentalisten und die Vertreter eines harten Kurses im Militär und in der alten politischen Klasse - doch stärker als erwartet. Das Buch ist überreich an gewiß nicht systematisch geordnetem Material, liest sich weithin spannend. Der Autor stellt viele Fragen, direkt - mit Fragezeichen - an den Leser gerichtet, die beide nicht beantworten können. Erfreulicherweise hat der Band ein brauchbares Namensverzeichnis. Vielleicht hätte man die langen Zeitungszitate und so manche eher oberflächliche Reflexion algerischer Intellektueller und Professoren kürzen oder weglassen können. WALTER HAUBRICH

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