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Rezension: Sachbuch : Mit Fragen auf der Zunge

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Manfred Rauh behandelt im zweiten Band seiner Geschichte des Zweiten Weltkrieges die Jahre von 1939 bis 1941

          8 Min.

          Manfred Rauh: Geschichte des Zweiten Weltkrieges.Band 2: Der europäische Krieg 1939-1941. Duncker & Humblot, Berlin 1995. 513 Seiten, 68,- Mark.

          Über deutsche militärische Operationen im Zweiten Weltkrieg zu schreiben hat eine besondere Schwierigkeit. Man kann nicht von der kriminellen Energie und den nicht zu rechtfertigenden politischen Zwecken Hitlers absehen - und doch verdient, gleichsam auf nachgeordneter technischer Ebene, die militärische Führung der Operationen eine angemessene militärwissenschaftliche und militärhistorische Darstellung, für die fachmännische Maßstäbe in Anschlag zu bringen sind. Man kann nicht Militärgeschichte um das Monstrum Hitler herumschreiben. Und doch darf diese Figur nicht einer näheren Beschäftigung mit der Art der Kriegführung und der Betrachtung der darin handelnden Personen im Weg stehen.

          Die Unfähigkeit der Nation, rechtzeitig die Ungeheuerlichkeit dieses Menschen zu erfassen und aus eigener Kraft mit seiner Herrschaft Schluß zu machen, lastet als tiefe Beschämung auf einer späteren Generation, die diese Vergangenheit nicht als vergangen betrachten kann, sondern mit Moralismus "bewältigen" will - eine Sisyphus-Arbeit, immer wieder neu begonnen, mit ruhelosem Eifer, bar jeder Aussicht auf erlösenden Erfolg. Kein deutscher Historiker kann davon absehen, daß er es mit einer Leserschaft zu tun hat, die den Zweiten Weltkrieg nicht mit der Gelassenheit studieren kann, mit der sie etwa ein Buch über die Operationen der Kriegsparteien in den Napoleonischen Kriegen studiert. Das setzt auch die - heuristisch nützliche - Frage, wie etwa Hitler hätte handeln müssen, damit er den Krieg hätte gewinnen oder ihn mit möglichst geringem Schaden hätte beenden können, der Gefahr eines Mißverständnisses aus.

          Der deutsche Diktator handelte nicht in einem leeren Raum. Es gab nicht einfach nur Täter und Opfer. Was andere in der Zwischenkriegszeit getan oder zu tun unterlassen hatten, bestimmte in gewissem Umfange mit, was Hitler zu tun möglich war und wozu er sich im Kriege entschließen konnte. Das hier vorzustellende Buch leistet für das Verständnis der einander in Interaktionen verbundenen Ereignisse bedeutende Hilfe. Es war ursprünglich geplant als Darstellung des Zweiten Weltkriegs für ein breiteres Publikum parallel zu der großen, sich eher an die Spezialisten wendenden, vielbändigen Geschichte des Zweiten Weltkrieges aus dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr. Ursprünglich war an ein einbändiges Werk, gar eine Taschenausgabe gedacht. Jetzt werden daraus drei Bände. Der erste, 1991 erschienen, behandelt die Wurzeln des Zweiten Weltkrieges im Mißlingen des Friedensschlusses von 1919 und in den übergroßen Schwierigkeiten, aus den disparaten und instabilen Teilen der zerfallenen alten Ordnung der europäischen Staatenwelt eine neue zu fügen. Jener erste Band war im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes erschienen - wie man hört, unter großen Schwierigkeiten, darunter auch solchen, die in dem seit Jahren bekannten Streit der Meinungen im Hause liegen. Der zweite Band erscheint im selben Verlag, aber ohne die Imprimatur des Amtes.

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