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Rezension: Sachbuch : Mit Brechstangen

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          JOURNALISTEN. Schon die alten Römer wußten: "Mundus vult decipi" ("Die Welt will betrogen werden"). Vor diesem Hintergrund haben zahlreiche Journalisten ungeahnte Karrieren gemacht. Edgar Allen Poe, aber auch Mark Twain wurden mit Lügengeschichten bekannt, die sich jedoch schnell als solche entlarven ließen und ob ihrer Skurrilität zu Recht den Grundstein einer schriftstellerischen Karriere legten. In jüngerer Zeit wird zunehmend mit schlecht recherchierten oder gar erfundenen Geschichten auch Politik gemacht. Der Kampagnen-Journalismus einiger Medien erlebt eine Blütezeit. Berichtet wird, was das eigene Weltbild bestärkt, Quote bringt und nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Die Greenpeace-Aktion gegen die Versenkung der "Brent Spar" und die angeblich großflächige Ölverseuchung, derer sich Shell in Nigeria schuldig gemacht haben soll, waren Vorläufer einer neuen Form des Journalismus, mit der auch demokratisch gewählte Politiker zu willfährigen Werkzeugen und Statisten einzelner Interessengruppen werden. Wo Journalisten mit Brechstangen nach "Krebs aus dem Wasserhahn" oder "Radioaktivität im Mineralwasser" suchen, bleibt der Konsument auf der Strecke. Die Schreckensmeldungen häufen sich - und nicht selten platzen die medialen Seifenblasen. Doch haften bleiben die Schlagzeilen der Horrorgeschichten, nicht aber die Entwarnungen. Wohin das führt, haben die Vorkommnisse um den Tod des kleinen Joseph in Sebnitz gezeigt: Die Gier nach der Schlagzeile und die Neigung vieler Politiker, aus taktisch-parteipolitischen Gründen selbst unbewiesene Anschuldigungen zur Waffe umzuschmieden, begünstigen einen Alarmismus, der die Realität verdrängt. Nicht selten wendet sich dieser Alarmismus auch gegen jene Politiker, die ihn zuvor - in anderem Zusammenhang - selbst geschürt haben. Das mußte etwa Verteidigungsminister Scharping erfahren, als er - trotz zahlreicher anderslautender Gutachten - verzweifelt gegen die Behauptung kämpfte, Waffen mit angereichertem Uran bedeuteten eine Gefährdung deutscher Soldaten. (Udo Ulfkotte: So lügen Journalisten - der Kampf um Quoten und Auflagen. C. Bertelsmann Verlag, München 2001. 420 Seiten, 46,- Mark.)

          F.A.Z.

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