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Rezension: Sachbuch : Menschen und Verhältnisse bewegt

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Mehr als nur ein Mann des Übergangs: Hans-Jochen Vogel blickt zurück

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          Hans-Jochen Vogel: Nachsichten. Meine Bonner und meine Berliner Jahre. Piper Verlag, München 1996. 544 Seiten, 49,80 Mark.

          Über Hans-Jochen Vogel sind viele Klischees im Umlauf. Das ist bei politischen Menschen unvermeidlich, behaupten vor allem jene, die Herstellung und Verbreitung solcher Klischees eine Pflicht dünkt. Wer Vogels "Nachsichten" liest - und das lohnt sich, auch wenn die Lektüre hier und da trocken ist -, erfährt viel: Tatsachen, Entwicklungen, Zusammenhänge; vieles spricht für sich, seltener sind Bewertungen (dann aber klar), der Autor aber nimmt sich ganz (fast ganz) zurück. Abschnitte nach dem Muster "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein" findet man nicht.

          Klischees: Als der "Juso-Fresser" 1972 nach Bonn kam, galt er als rechthaberisch und streitsüchtig, als Rechter mit linken Ideen von Bodenreform und Kommunalpolitik, von wütendem Arbeitseifer und besonderer Strenge, pünktlich (zu Recht) und von sich mehr verlangend als von anderen (wiederum zu Recht) und diese anderen damit manchmal überfordernd. Wie gesagt: Klischees, aber nicht nur Klischees. Wer die "Nachsichten" liest, gewinnt einen Einblick in ein Spannungsfeld von Vernunft und Leidenschaft, Einsatz und Muße, heftigen Adrenalinstößen und geduldiger Zuwendung.

          Vogel ist in seinem Denken und Handeln vom Einsatz für Menschen und gegen ihre Nöte, von der Idee der sozialen Demokratie getragen, also von gegenseitiger Verantwortung, von Pflichten untereinander und für das Gemeinwesen. So wichtig und sympathisch ich solche Grundhaltung finde, so gerne füge ich dazu: Es muß nicht immer Askese sein, Vogel ist, die "Nachsichten" zeigen es, sich der Schwäche und Eigenheiten, die ihm zugeschrieben werden, sehr bewußt. Ich meine, er hat bei aller äußerlichen Kantigkeit nie jemand verletzen wollen. Angestrengt hat er am meisten wohl sich selbst. Das werden vielleicht jene anders betrachten, die Anlaß seiner Temperamentsausbrüche wurden. Heute verträgt Vogel übrigens begründeten Widerspruch gut und ist zu erstaunlicher Selbstironie fähig.

          Durch sein Leben (und das Buch) zieht sich einem roten Faden gleich das Verständnis Vogels von den Anforderungen an einen politischen Menschen, zumal einen an der Spitze: die Sache vor der Person, konsequent an Wertvorstellungen orientiert, um Lösungen bemüht statt um Schaukämpfe, voller Respekt vor den Menschen, ihren Belangen und Interessen, im Ziel klar, im Handeln glaubwürdig, im Vorgehen verläßlich und durchschaubar. Da haben wir sie, die manchmal gescholtenen Sekundärtugenden, die doch nichts anderes sind als der Ausdruck dafür, daß Umgang miteinander - in der Gesellschaft, in einer Partei - natürlich viel mehr ist als formatiertes Verfahren oder gar bürokratische Starre, daß andererseits aber ohne klare Verfahren, durchschaubares und verläßliches Vorgehen der Umgang der Personen, Ziele und Beschlüsse sehr beliebig werden.

          Beliebigkeit ist Vogel zuwider. Das ist nicht etwa die Konsequenz aus Kleiderordnung und Klarsichthülle, sondern von Überzeugungen. Was anderes hätte ihn bewegen können, mehrfach angeschlagene Schiffe als Kapitän zu übernehmen, in Berlin beispielsweise, wo auch der beste Kapitän die vielen Lecks nicht mehr abdichten konnte. Immerhin: in dieser Zeit kam manches zur friedlichen Entwicklung der Hauptstadt auf den Weg, von dem der Nachfolger Richard von Weizsäcker profitierte. Vogel inszeniert sich nicht als Held; seine Erfolge sind selbst errungen, hart erarbeitet. Die Leistung, die dahintersteckt, sieht man kaum - allzu viel Aufhebens hat Vogel davon nicht gemacht.

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