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Rezension: Sachbuch : Meister aus Deutschland

  • Aktualisiert am

Ein weiteres Dresdner Geschichtsbuch

          3 Min.

          Dresdner Geschichtsbuch. 4. Band. Herausgegeben vom Stadtmuseum Dresden. DZA Verlag für Kultur und Wissenschaft, Altenburg 1998. 209 Seiten, 29,80 Mark.

          Die "Dresdner Geschichtsbücher" bieten Einblick in eine "gesamtdeutsche" Vergangenheit. Die im vierten Band gegebene Schilderung der Handwerksbräuche aus dem 18. Jahrhundert dürfte nicht sonderlich abweichen von der in anderen Gebieten, in denen deutsch gesprochen wurde. Zum Beispiel waren nach den Zunftordnungen die Begräbnisse von Meistern und Gesellen streng geregelt, und schon damals gab es die Aufsässigkeit der Unteren: Die Meister sahen, offenbar ohne nachhaltigen Erfolg, darauf, daß die Gesellen bei der Beerdigung eines der Ihren nicht mehr Pomp entfalteten als der Meister. Ein sonderbarer Brauch wird geschildert: Zitronen, die es offenbar damals in diesem Teil Deutschlands gab, spielen eine bedeutende Rolle bei Beerdigungen. Hochtrabende Theorien wollen in der Zitrone ein Symbol für Frische, also für Unsterblichkeit sehen. Andere meinen, es sei schlicht um eine Abhilfe gegen den Geruch gegangen. Auch die gängige These, die "Besseren", hier also die Geistlichen, hätten sich früher Vorteile verschafft zu Lasten derer, die schwere körperliche Arbeit verrichteten, wird widerlegt: Eine Aufstellung der Regelkosten für die Beerdigung von Gesellen (schon damals war der Tod ziemlich teuer) weist aus, daß der Geistliche für seine Mühe einen Taler bekam, der Totengräber aber um die Hälfte mehr.

          Unter "Persönlichkeiten" wird nach den Oberbürgermeistern Stübel und Beutler diesmal der Stadtchef Blüher dargestellt. Er amtierte von 1916 bis 1931. In seine Amtszeit fielen Bau und Eröffnung des Dresdner Hygienemuseums, die Errichtung moderner Altersheime, preiswert und verhältnismäßig komfortabel, "Bürgerheime" genannt, der Bau eines Stadthauses - einer notwendig gewordenen Erweiterung des erst vor kurzer Zeit fertiggestellten Neuen Rathauses. Daß die Aufblähung der Verwaltung sich, mehr oder minder glücklich, im Stadtbild niederschlägt, ist ebenfalls eine "gesamtdeutsche" Erscheinung. Blüher starb 1938. Er gehörte zum Typus des unpolitischen Fachbeamten. Bei seiner Beerdigung sprach kein offizieller Vertreter der Stadt. Doch sein Nachfolger, der von den Nationalsozialisten des Amtes enthobene Wilhelm Külznach - nach dem Kriege Vorsitzender der Liberaldemokraten in der Sowjetzone -, hatte den Mut (und er wurde nicht gehindert, ihm zu folgen), bei der Beerdigung das Wirken seines Vorgängers zu würdigen. Das Dresdner Geschichtsbuch ruft bedeutende mitteldeutsche Oberbürgermeister in Erinnerung; die westdeutsch geprägte Nachkriegsgeschichte hat es mit sich gebracht, daß die ansatzweise schon in der Weimarer Zeit erwähnten "rheinischen Oberbürgermeister" (Jarres, Lehr und natürlich Adenauer) ins Gespräch kamen. Auch der Dresdner Oberbürgermeister Külz war zuvor immerhin Reichsminister der Innern.

          Zum herkömmlichen Bestandteil der Geschichtsbücher gehört ein Abschnitt über "Alltagsgeschichte" in der DDR. Das ist vielfach nützlicher als gelehrte Abhandlungen über den Unrechtscharakter des DDR-Regimes. Mangel und sich auf ihn einrichtende Bescheidenheit werden vorgeführt. Der Beitrag würdigt objektiv eine gewisse Verbesserung des Lebensstandards in den siebziger Jahren. Im Jahre 1978 hatten immerhin mehr als neunzig Prozent auch Waschmaschinen, allerdings nur bei 36 Prozent gab es einen "Personenkraftwagen". Im Jahre 1977 hatten immerhin 66 Prozent der Wohnungen in Dresden Innentoilette, Dusche oder Bad. Das geht auf den forcierten Wohnungsbau zurück. Dessen Schwächen werden nicht verschwiegen: genormter Plattenbau, der den planmäßig geduldeten Verfall der alten Wohnungssubstanz allmählich mildern sollte. In der DDR blieb der vorher versprochene Ausbau der "Infrastruktur" - von der staatlichen Arztpraxis bis zur Kneipe - in der Regel aus. Dennoch waren die von der Untermieter-Existenz befreiten Bewohner zunächst zufrieden über einen gewissen Komfort.

          Eine DDR-spezifische, aber doch auch "gesamtdeutsche" Entwicklung wird veranschaulicht am Beispiel des südöstlichen Dresdner Stadtteils Prohlis. Es war, wie bei vielen westdeutschen Großstädten auch, ein eingemeindeter Randort von dörflichem Charakter. Wie im Westen auch, nur auf andere Weise, wurde der ländliche Vorort zum dichtbebauten Wohngebiet, durch eine Plattensiedlung. Noch 1919 hatte Prohlis rund 450 Einwohner, 1992 waren es knapp 25 000. Solche traditionswidrigen Wucherungen gab es auf andere Weise im Westen. Allerdings griff man dort nicht zur Geschichtsverfälschung zur Rechtfertigung der Zerstörung gewachsener Formen (Prohlis hatte sogar ein ansehnliches Schloß, das noch 1985 abgerissen wurde). In einer zu DDR-Zeiten, insgesamt verdienstvollen Schriftenreihe "Werte unserer Heimat" hieß es im 42. Band, vom Kern des alten Prohlis sei durch Bombenschäden ohnehin fast nichts übriggewesen. Das "Dresdner Geschichtsbuch" korrigiert das: "Der geschlossene, komplett erhaltene Dorfplatz blieb beim Bombenangriff völlig unberührt." Der Plattenbau hat ihn zerstört.

          FRIEDRICH KARL FROMME

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