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Rezension: Sachbuch : Meinungsführer und Schwankende

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Wie in den Bundestagswahlkämpfen von 1949 bis 1998 um Stimmen gekämpft wurde

          Elisabeth Noelle-Neumann, Hans Mathias Kepplinger, Wolfgang Donsbach: Kampa. Meinungsklima und Medienwirkung im Bundestagswahlkampf 1998. Verlag Karl Aber, Freiburg 1999. 280 Seiten, 59,- Mark.

          Volker Hetterich: Von Adenauer zu Schröder - Der Kampf um Stimmen. Eine Längsschnittanalyse der Wahlkampagnen von CDU und SPD bei den Bundestagswahlen 1949 bis 1998. Leske + Budrich, Opladen 2000. 442 Seiten, 68,- Mark.

          Der Bundestagswahlkampf 1998 war geprägt vom Warten auf die Wiederholung eines Wunders: Hatte der unerschütterlich zuversichtliche Kanzler Kohl seine Partei nicht wiederholt aus tiefer Unpopularität zu neuer Wählergunst geführt? Ein Sieg der Koalition erschien zunächst unwahrscheinlicher denn je, aber gerade das war schließlich die Voraussetzung für ein Wunder. Daß die CDU bei der Wahl im September 1998 dann so deutlich von der SPD geschlagen werden sollte, wie es die Umfragen schon lange Zeit voraussagten, konnte deshalb bis zuletzt niemand recht glauben. Am Ende verloren sogar einige Umfrageinstitute die Übersicht und wollten kurz vor der Wahl eine Aufholjagd der Union erkennen. Das Institut für Demoskopie Allensbach blieb pessimistisch und behielt recht.

          Seine Leiterin Elisabeth Noelle-Neumann hat mit Hans Mathias Kepplinger und Wolfgang Donsbach die Ursachen für den Erfolg der SPD untersucht. Grundlagen der Analysen sind Auswertungen der politischen Tendenz in der Berichterstattung der Medien und Umfragen von Allensbach. In einem sehr instruktiven Kapitel werden dem Leser zudem die Grundlagen der angewandten Forschungsmethoden nahegebracht.

          Die Voraussetzung für den Wahlsieg der Sozialdemokraten war die "Kampa". Das Wahlkampf-Hauptquartier der Partei wurde von Bundesgeschäftsführer Müntefering geleitet und arbeitete mit Experten aus Werbung und Meinungsforschung zusammen. Da es unabhängig von der Parteizentrale agieren konnte, waren Entscheidungen gewährleistet. Geschickt gewählte Slogans wie "Wir sind bereit" und "Neue Mitte" demonstrierten Selbstbewußtsein und einen weitgespannten Vertretungsanspruch. Zur Benennung der politischen Ziele wurden bewährte Allwettervokabeln wie "Arbeit, Innovation und Gerechtigkeit" benutzt. Die SPD ließ sich vom Gegner nicht provozieren, sondern hielt sich streng an den eigenen Schlachtplan und präsentierte Schröder in staatsmännischer Attitüde. Die Partei wurde auf Linie gebracht, das Auftreten vereinheitlicht.

          Die CDU dagegen führte einen ideenlosen und zerfahrenen Wahlkampf. Den von einer Nachfolgediskussion geschwächten Kanzler, der auf Oskar Lafontaine als Gegner gesetzt hatte, traf die Entscheidung zugunsten Schröders bei der Niedersachsenwahl im März hart. Ein Lagerwahlkampf war danach nicht mehr zu führen. Doch hätte wohl selbst ein Kanzlerkandidat Lafontaine den Sieg der SPD nicht mehr verhindern können. Umfragen von Allensbach zufolge hat Schröder der SPD weniger genutzt und Kohl der Union weniger geschadet, als allgemein vermutet wird. Im Juli gaben 42 Prozent der Befragten Schröder und 27 Prozent Kohl den Vorzug. Den Vergleich zwischen Schröder und Schäuble entschied der SPD-Kanzlerkandidat noch deutlicher für sich. Kohls Rückstand auf Schröder war auch im Medienecho weit geringer als der der Union auf die SPD. Allerdings wurde Schröder von vielen, Kohl traditionell freundlich gesinnten Medien wie etwa der "Bild"-Zeitung zuvorkommend behandelt, während sich Kohl auf die anhaltende Abneigung von "Spiegel" und "Stern" verlassen konnte.

          Wie Kepplinger zeigt, wurde in den Fernsehnachrichten ein ausgesprochen düsteres Bild der Lage in Deutschland gezeichnet, besonders von ARD und RTL. Zuschauer ohne eine starke Bindung an die Regierungsparteien mußten Kepplinger zufolge zu dem Schluß kommen, daß ein Regierungswechsel sachlich geboten sei. Donsbachs Überlegungen zum Widerhall der wirtschaftlichen Entwicklung in der Berichterstattung der Medien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.

          Hintertriebener Wahlsieg ?

          Donsbachs These lautet - etwas zugespitzt - folgendermaßen: Die Voraussetzungen für einen Wahlsieg nach dem Muster von 1994, als Kohl die Wahl gewann, weil der wirtschaftliche Aufschwung rechtzeitig einsetzte, waren auch 1998 gegeben gewesen. Nur hat die Mehrheit der Medien den Lesern und Zuschauern nicht vermittelt, daß 1998 ein wirtschaftlich verheißungsvolles Jahr war, sondern den Schwerpunkt auf die anhaltend hohe Arbeitslosenzahl gelegt und damit einen erneuten Wahlsieg Kohls hintertrieben. Diese hypothetischen Überlegungen werden im Ton eines schlechten Verlierers vorgetragen, so daß sich der wissenschaftliche Erkenntniswert in Grenzen hält.

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