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Rezension: Sachbuch : Männer des Volkes

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Dirk Sager über Rußlands gescheiterte Demokratie

          Dirk Sager: Betrogenes Rußland. Jelzins gescheiterte Demokratie. C. Bertelsmann, München 1996. 352 Seiten, 44,80 Mark.

          Zweckoptimisten im Westen wie im Osten behaupten noch immer, Rußland entwickle sich, wenn auch stockend und mit Rückschlägen, in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft. Ein Urteil, das von absichtsvoller Verkennung der Realitäten beziehungsweise Interessengemeinschaft mit der herrschenden Oligarchie kündet, befindet einer, der das Land mehr als zehn Jahre lang von innen erlebt hat. Das neue Buch des Moskauer ZDF-Korrespondenten Dirk Sager will das von Wunschdenken bestimmte Rußland-Bild korrigieren, das zu verabschieden den Politikern offensichtlich schwerer fällt als der Öffentlichkeit. Seinen Befund, Jelzins Demokratie sei gescheitert, untermauert Sager mit Erzählungen über seine zahlreichen Begegnungen mit verarmten Normalbürgern, verwahrlosten Soldaten, verzweifelten Tschetschenen, vor allem aber mit der Rekapitulation der Regierungsjahre Jelzins mit ihren Gesetzesbrüchen, der Kriminalisierung der Gesellschaft und der Verfilzung von Staatsmacht und dubiosem Kapital. Zudem ist in den wenigen Jahren seiner Amtszeit in Rußland mehr Blut geflossen als unter irgendeinem seiner kommunistischen Vorgänger seit Stalin.

          Daß Sager die Taten des Präsidenten an seinen Versprechungen mißt und westliche Auffassungen von Demokratie und Marktwirtschaft nicht der politischen Konjunktur opfern mag, verdient Respekt. In seiner Vorhersage, daß sich die Wirtschaftsmisere weiter verschärfen wird und eine Demokratie nur "Jelzin zum Trotz" entstehen kann, stimmt er mit vielen Beobachtern überein. Indessen ist das leider schlampig lektorierte Buch dieses erfahrenen Kenners von einer gewissen Rußland-Romantik nicht frei. In dem von Jelzin als Wahlhelfer eingespannten General Lebed erblickt Sager wie viele Russen einen geradlinigen Mann, der die Korruption ausmerzen will und sich als Kriegsverhinderer empfohlen hat, und sieht über die wenig demokratische Gesinnung des mit dem früheren Chefleibwächter des Präsidenten Korschakow sympathisierenden Mannes großzügig hinweg. Vor allem aber erscheint das russische Volk bei Sager als eine Ansammlung von nachdenklichen, friedliebenden, aber ständig durch fremde Schuld leidenden Menschen. Die weit verbreitete verhängnisvolle Mischung aus Nationalismus, Gewaltverherrlichung und Verantwortungsscheu bleibt unterbelichtet. Dabei liegt Rußlands Tragödie gerade darin, daß die unaufgeklärte und passive Bevölkerungsmehrheit ihre Sorgen am liebsten einem starken Mann überantwortet, mit dessen Derbheit, Rebellengehabe und Vorliebe für Brachiallösungen sie sich identifizieren kann. Nicht zuletzt dies trägt die politische Karriere von Figuren wie Lebed, Schirinowski oder eben Jelzin. KERSTIN HOLM

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