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Rezension: Sachbuch : Luftschutzkeller des Reiches

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Das Schicksal der "Evakuierten" in Bayern

          4 Min.

          Katja Klee: Im "Luftschutzkeller des Reiches". Evakuierte in Bayern 1939-1953: Politik, soziale Lage, Erfahrungen. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Band 78. R. Oldenbourg Verlag, München 1999. 327 Seiten, 40,- Mark.

          Anders als die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den Ostgebieten mussten die "Evakuierten", wie Katja Klee sie falsch, aber in Übereinstimmung mit dem Sprachgebrauch der Zeit nennt, teilweise bereits Jahre vor diesen ihre Heimat in Hamburg, Berlin, Köln, Düsseldorf oder Essen verlassen, um sich vor den Angriffen der alliierten Bomberflotten in den weniger luftkriegsgefährdeten Teilen des Deutschen Reiches in Sicherheit zu bringen. Von Anfang an waren die ländlichen Regionen Bayerns, das schon bald als "Luftschutzkeller des Reiches" bezeichnet wurde, ein Hauptaufnahmegebiet für Evakuierte.

          Die Darstellung nimmt ihren Ausgang bei den vorsorglichen kriegsbedingten Evakuierungen der Westgebiete des Deutschen Reiches im Jahre 1939. Schon damals gelangten mehr als 100 000 Menschen nach Bayern, kehrten jedoch rasch wieder in die Heimat zurück. Die 1940 beginnende "Erweiterte Kinderlandverschickung" war eine getarnte Zwangsevakuierung. Vor allem Berliner und Hamburger Kinder kamen nun in den Süden, teilweise auch mit ihren Müttern. Nach der Ausweitung der alliierten Luftangriffe - in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 fand der erste 1000-Bomber-Angriff auf Köln statt - wurde aus der Kinderlandverschickung echte Evakuierung. Den Begriff vermied die nationalsozialistische Führung jedoch weiterhin strikt, wäre dies doch gleichbedeutend mit einem Offenbarungseid hinsichtlich der unumschränkten Lufthoheit der Alliierten gewesen. Neben den organisierten Umquartierungen gab es jetzt eine große Zahl von Menschen, die sich auf eigene Faust aus dem Rheinland, Niedersachsen oder Berlin nach Bayern aufmachten, die so genannten "wilden Evakuierten". Sie konzentrierten sich in Fremdenverkehrsgemeinden wie Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz oder Berchtesgaden. Dort waren sie alles andere als beliebt, denn sie verschärften für die Einheimischen die durch den Krieg ohnehin schon kritische Versorgungslage. In den Dörfern Oberbayerns trafen die Überheblichkeit des "Großstadtgesindels" und der Neid der dörflichen Bevölkerung, vor allem der Landfrauen, auf die geschminkten und besser gekleideten Großstädterinnen, schroff aufeinander. Hinter dieser Feindseligkeit verbirgt sich der Beginn der "Revolution des Dorfes", die bereits im nationalsozialistischen Krieg mit den Evakuierten begann, noch ehe die Flüchtlinge kamen.

          Die kombinierte Offensive der amerikanischen und britischen Luftwaffe, die seit Januar 1943 auch regelmäßige Angriffe bei Tag flog, zwang die nationalsozialistische Führung zum Handeln und leitete eine neue Stufe der Evakuierung ein. Nun war offen davon die Rede. Der Schutz der Zivilbevölkerung vor den "Terrorangriffen" der Alliierten sollte motivierend auf die Kampfmoral an der Front wirken. Dabei bestehen begründete Zweifel an der tatsächlich humanitären Absicht der Evakuierung, die doch eher die Fortsetzung des Krieges ermöglichen sollte. Die jetzt eingeleiteten Bemühungen, vor allem von Joseph Goebbels, zu einer reichseinheitlichen Lenkung der Evakuierung zu gelangen, um diese "größte Völkerwanderung aller Zeiten" in geordnete Bahnen zu lenken, kamen jedoch zu spät. Im September 1944 befahl schließlich Adolf Hitler, alle Evakuierungen aus Luftschutzgründen sofort einzustellen. Der an der Wirklichkeit vorbeigehende Führerbefehl, der Gipfel einer angesichts der Realität ohnehin grotesk anmutenden Regelungswut - gelenkte Evakuierungen gab es längst nicht mehr -, blieb bis zum Ende des Krieges ohne jede Wirkung.

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