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Rezension: Sachbuch : Lübecker Blutzeugen

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WIDERSTAND. Am 10. November 1943 starben vier Lübecker Geistliche im Abstand von je drei Minuten unter dem Fallbeil: der Pastor der Luther-Gemeinde, Karl Friedrich Stellbrink, und die Kapläne der Propsteigemeinde Herz-Jesu, Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller. Stellbrink hatte den verheerenden ...

          WIDERSTAND. Am 10. November 1943 starben vier Lübecker Geistliche im Abstand von je drei Minuten unter dem Fallbeil: der Pastor der Luther-Gemeinde, Karl Friedrich Stellbrink, und die Kapläne der Propsteigemeinde Herz-Jesu, Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller. Stellbrink hatte den verheerenden britischen Bombenangriff auf die Hansestadt Ende März 1942 in einer Predigt mit den Worten kommentiert: "Gott hat mit mächtiger Sprache geredet. Die Lübecker werden wieder lernen zu beten." Am 7. April 1942 wurde der evangelische Pastor, der 1929 mit seiner Familie aus Südbrasilien zurückgekehrt und 1936 aus der NSDAP ausgeschlossen worden war, verhaftet. Stellbrinks Tochter Waltraut Kienitz schreibt jetzt darüber: "Mit Abscheu erinnere ich mich an den Rat des damaligen Oberkirchenrats Sievers, meine Mutter solle sich scheiden lassen." Auch die Oberen der drei katholischen Priester, die im Frühjahr 1942 wegen Verbreitung regimekritischer Druckschriften und "wehrkraftzersetzender" Äußerungen in Haft genommen worden waren, zeichneten sich nicht durch besondere Courage aus. Der zuständige Osnabrücker Bischof Berning sei - wie Stephan H. Pfürtner darlegt - ein Anhänger der "stillen Diplomatie" gewesen, während der Münsteraner Bischof Graf von Galen solche "papierene und wirkungslose, der Öffentlichkeit unbekannte Proteste" abgelehnt habe. Dafür bewunderte ihn Kaplan Prassek: "Schlimm ist aber, daß er von den meisten Bischöfen als Außenseiter abgelehnt wird. Sie machen ihm zum Vorwurf, er würde aus der Reihe tanzen." Im Juni 1943 tagte der Volksgerichtshof in Lübeck. Mit den vier Geistlichen waren 18 katholische und evangelische Laien angeklagt, die allerdings mit Gefängnisstrafen und "Frontbewährung" davonkamen. Die zum Tode Verurteilten wußten, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten. Prassek notierte sich in sein Neues Testament: "Wer sterben kann, wer will den zwingen?" Durch seine Freundschaft zu Stellbrink und im Kampf gegen den Nationalsozialismus setzte er sich über alle Konfessionsgrenzen hinweg, so daß die Lübecker Gemeinden noch heute konfessionsübergreifend den 10. November als Todestag ihrer "Blutzeugen" mit gemeinsamen Veranstaltungen begehen. "Nirgendwo im damaligen Deutschen Reich" - so Pfürtner - "sind Christen in so eindeutiger ökumenischer Gemeinsamkeit miteinander in den Tod gegangen." (Isabella Spolovnjak-Pridat/Helmut Siepenkort [Herausgeber]: Ökumene im Widerstand. Der Lübecker Christenprozeß 1943. Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 2001. 144 Seiten, 7,50 Euro.)

          rab.

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