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Rezension: Sachbuch : Landserdeutsch

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          WELTKRIEG. Heinz Magenheimer ist überzeugt, daß der Zweite Weltkrieg für die Deutschen anders hätte ausgehen können. Freilich hätten sie einige Fehler nicht machen dürfen. Solche entdeckt der Verfasser beispielsweise beim Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion im Sommer 1941. So habe die Aufklärung der deutschen Seite zwar bis zu einer Tiefe von 300 Kilometern ein durchaus zutreffendes Bild von der sowjetischen Truppenstärke gezeichnet. Daß man über diese 300-Kilometer-Grenze aber nicht hinausgegangen sei, habe zu einer folgenschweren Unterschätzung des Gegners geführt. Nicht eben als erster stellt Magenheimer fest, der deutsche Angriff sei zu spät erfolgt, zu weit ins Jahr getragen worden.

          Doch wirklich unangenehm fällt der Tenor auf, in dem Magenheimer seine Thesen vorbringt. Zur deutschen Offensive gegen Moskau am 2. Oktober schreibt er: "Das Ziel Moskau lag zu diesem Zeitpunkt nur mehr 2 Tagesmärsche vor den Angriffsspitzen. Man vergegenwärtige sich die Gesamtlage eines deutschen Schlußangriffs auf Moskau, der nicht erst am 2. Oktober, sondern schon am 22. September begonnen hätte!" Hätte er auch das Ausrufezeichen nicht gesetzt, wäre trotzdem dem Leser der Verdacht gekommen, der Verfasser hätte einer deutschen Eroberung Moskaus einigen Charme abgewonnen.

          Es bleibt nicht verborgen, warum Magenheimer endgültigere militärische Erfolge Deutschlands aus dem Rückblick nicht als negativ empfunden hätte. Er ist offenbar überzeugt, daß das Hitler-Regime das Zeug hatte, Europa in Ordnung zu bringen: "Es wäre nicht korrekt, der deutschen Politik bereits im Sommer 1940 vorzuhalten, kein geeignetes ,Rezept' für die politische und wirtschaftliche Neugestaltung Europas im Sinne einer allseits befriedigenden Völkerverständigung entwickelt zu haben." Man staunt: die "Zerschlagung der Resttschechei", der Angriff auf Polen, auf Frankreich - das sollen Beispiele einer "allseits befriedigenden Völkerverständigung" sein? Schließlich die Sprache: "Als am 22. Juni 1941 der Feuerschlag der deutschen Artillerie die Morgenstille an der deutschen Ostfront zerriß, war das Tor ins Ungewisse aufgestoßen." Gerade Militärhistoriker, allemal wenn sie sich mit der deutschen Rolle im Zweiten Weltkrieg beschäftigen, sind gut beraten, nicht ins Landserdeutsch zu verfallen, sich vielmehr einer betont sachlichen Sprache zu befleißigen. Auch das ist Magenheimer nicht gelungen. (Heinz Magenheimer: Kriegswenden in Europa 1939-1945. Führungsentschlüsse, Hintergründe, Alternativen. Olzog Verlag, München und Landsberg am Lech 1995. 272 Seiten, 49,- Mark.) elo.

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