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Rezension: Sachbuch : Kriegsverschonte Insel in Hitlers Europa

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Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg (Herausgeber): Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus. Chronos Verlag, Zürich 2001. 487 Seiten, 36,- Euro.Die schweizerische Regierung setzte Ende 1996 eine Kommission ein, die der emeritierte Zürcher Historiker Jean-François Bergier leitet.

          Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg (Herausgeber): Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus. Chronos Verlag, Zürich 2001. 487 Seiten, 36,- Euro.

          Die schweizerische Regierung setzte Ende 1996 eine Kommission ein, die der emeritierte Zürcher Historiker Jean-François Bergier leitet. Bern reagierte damit auf die Angriffe, die amerikanisch-jüdische Organisationen gegen die Schweiz gerichtet hatten. Eine der Anschuldigungen lautete sinngemäß: Der neutrale Kleinstaat habe angesichts der Judenverfolgungen im "Dritten Reich" kurz vor und während des Zweiten Weltkrieges seine verbal immer wieder beschworene Asyltradition de facto über Bord geworfen.

          Wie immer es um die Berechtigung solcher Kritik bestellt sein mochte, den Vorwurf, das damit angesprochene Problem nicht schon von selbst erkannt und untersucht zu haben, konnte man den Schweizern schwerlich machen. Bereits Mitte der fünfziger Jahre hatte der Jurist Carl Ludwig die schweizerische Flüchtlingspolitik seit 1933 in amtlichem Auftrag akribisch durchleuchtet. Zahlreiche Einzelstudien und auch eine zusammenfassende Darstellung sollten das von ihm entworfene - alles andere als schönfärberische - Bild in der Folge ergänzen. An Breitenwirkung wurden diese Veröffentlichungen von dem Buch des Publizisten Alfred A. Häsler, betitelt "Das Boot ist voll" (1967), übertroffen. Die Metapher vom Rettungsboot Schweiz, dessen Aufnahmekapazität für Schutzsuchende sehr beschränkt sei, entlieh Häsler einer Rede, die der für Asylfragen zuständige Justizminister Eduard von Steiger im Spätsommer 1942 gehalten hatte. Die schweizerische Flüchtlingspolitik war damit auf einprägsame Weise als restriktiv - allzu restriktiv - gekennzeichnet.

          Daß diese wenig schmeichelhafte Charakterisierung im wesentlichen zutraf, wird von der Expertenkommission Bergier jetzt auf Grund teilweise neu erschlossenen Quellenmaterials bestätigt. Einzelne erschütternde Fallbeispiele veranschaulichen den Befund. Unter dem Eindruck des von ihnen diagnostizierten humanitären Defizits erheben die Autoren harte Anklagen gegen die damaligen schweizerischen Verantwortungsträger. Mildernde Umstände werden diesen Akteuren nicht zugebilligt, obschon die Schweiz - durch die Achsenmächte eingekreist und ihrer Kontaktmöglichkeiten zur weiteren Außenwelt nahezu gänzlich beraubt - nach dem deutschen "Blitzsieg" vom Sommer 1940 in eine Zwangslage geraten war: Weder politisch noch versorgungsmäßig hätte das Land es sich leisten können, seine Grenzen für sämtliche Verfolgungsopfer des nationalsozialistischen Regimes einfach offenzuhalten.

          Nach Ansicht Bergiers und seiner Mitarbeiter war die beschränkte Aufnahmebereitschaft für jüdische Flüchtlinge indes nicht nur durch Sachzwänge bestimmt. Vielmehr glauben sie dafür einen in der Schweiz damals weitverbreiteten Antisemitismus verantwortlich machen zu können. Die Anschuldigung ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber ihre Urheber schießen über das Ziel hinaus. So mit der Behauptung, Juden habe es im Offizierskorps der Armee - wenn überhaupt - nur in den unteren Rängen gegeben. Dabei zählte zu den prominentesten Vertretern der schweizerischen Generalität ein Offizier jüdischer Herkunft: Herbert Constam. Er kommandierte nicht nur eine der vier großen Heereseinheiten, sondern prägte auch die Einsatzdoktrin der Armee maßgeblich mit. Andererseits bekannte sich etwa ein Heinrich Rothmund, auf Beamtenebene oberster Verantwortlicher für das schweizerische Asylwesen, unumwunden dazu, einer "Verjudung" der Schweiz entgegenwirken zu wollen. Als "rassenbiologisch" motivierte Parole hat man diese Absichtserklärung allerdings nicht zu verstehen. Bezweckt war damit primär die Abwehr der Einwanderung von "Ostjuden". Diese Zielsetzung suchte Rothmund - zeitweise nicht ohne Erfolg - auch den alteingesessenen Schweizer Juden als in ihrem Interesse liegend zu präsentieren.

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