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Rezension: Sachbuch : Krates gibt Krates von Theben frei

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Fakten schaffen: Die Geschichte der Weltvereinigungsbewegung

          3 Min.

          Stephan Mögle-Stadel: Die Unteilbarkeit der Erde. Globale Krise, Weltbürgertum und Weltföderation. Eine Antwort an den Club of Rome. Bouvier Verlag, Bonn 1996. 266 Seiten, 48,- Mark.

          Gegenüber der Möglichkeit einer Weltvereinigung gibt es Grund zur Skepsis. Spielen sich doch vor unseren Augen die partikularisierenden Prozesse ab, die man in der Staatslehre schon lange "Balkanisierung" nennt. Trotzdem werden die Stimmen, in denen sich die Hoffnung auf die Vereinigung der Welt ausdrückt, immer deutlicher. Ohne daß es in dieser Frage eine Debatte gäbe, eher heimlich, still und leise wächst der Konsens darüber, daß die Welt nur zu retten ist, wenn sie sich verstaatlicht.

          Es ist nicht damit zu rechnen, daß sich die Weltmonopolisierung von allein ergibt. Keine Partei bemüht sich darum. Über Europa gehen die Programme nicht hinaus. Wenn man die Weltföderation fördern will, muß man sich der Vereinigung "World Federalist Movement" anschließen, die sich die Stärkung der Vereinten Nationen zum Ziel gesetzt hat - und feststellen, daß die deutsche Sektion nur 30 Mitglieder hat.

          Aus dieser kleinen Gruppierung ist jetzt ein Buch hervorgegangen: "Die Unheilbarkeit der Erde" von Stephan Mögle-Stadel, das von Kosmopolitismus geradezu brennt. Der Autor gehört der jungen Generation an und versucht keineswegs, seine Jugendlichkeit zu unterdrücken. Die Aufgeregtheit des Textes wird durch den verschwenderischen Einsatz von Ausrufungszeichen gesteigert. Die Empörung des Autors über das Böse in der Welt ist nicht nur lodernd, sondern auch nachtragend: Sokrates wurde "vom Volksgerichtshof zum Trinken des Schierlingsbechers verurteilt!" - und zum Bösen rechnet er Austernschlürfen ebenso wie Fast food, Coca-Cola und Hollywood-Filme. Insofern ist das Buch unerträglich.

          Trotzdem ist es hilfreich. Es führt in die Geschichte der Weltvereinigungsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg ein - eine Geschichte, die für die Gegenwart beschämend ist. Große Namen der Zeit tauchen auf: Albert Camus, Bertrand Russell, Albert Einstein, Gandhi, Albert Schweitzer, Thomas Mann und Dag Hammarskjöld. Die Kraft der Bewegung wurde durch den Kalten Krieg gebrochen, als die alte Idee der Balance wieder an die Stelle der unitarischen trat, und obwohl sie unter Schirmherrschaft von Yehudi Menuhin und Peter Ustinov steht, gelingt ihr kein neuer Aufschwung.

          Das Interessanteste an dem neuen Buch ist aber seine Darstellung des allerersten Anfangs der Bewegung: Ihre Gründung durch den Broadway-Schauspieler und Bomberpiloten Garry Davis, der in die Reihe der großen Hippies der Weltgeschichte gehört, der rucksacktragenden Weltverbesserer, der reinen Toren wie Diogenes, Franz von Assisi, Jesus und Buddha. Garry Davis hatte als amerikanisch-jüdischer Soldat gegenüber den Deutschen eine Rechnung begleichen wollen - sein Bruder war von Deutschen getötet worden -, aber auf seinem Pilotensitz Gewissensbisse bekommen: "Wieviel Soldaten, aber auch Zivilisten, Frauen und Kinder hatte ich indirekt ermordet? Gab es denn keinen anderen Weg, den Faschismus zu stoppen?"

          Der Slogan "One World now or none" schien ihm die Antwort auf seine Frage zu sein, und er wollte zur Tat schreiten. "Die Madisons, Monroes und Jeffersons dieses Landes, dachte ich, haben nicht nur eine bundesstaatliche Zentralregierung gefordert. Zum entscheidenden Zeitpunkt haben sie aufgehört, nur Befürworter einer Idee zu sein, und sind zu Praktikern geworden; in jenem Augenblick, als sie, nun die Gründungsväter der Vereinigten Staaten, die Zentralregierung erklärt und durchgesetzt haben. Ich wollte endlich Fakten schaffen, statt nur weltföderalistische Flugblätter zu verteilen. Durch Zufall las ich in der ,New York Times' von Henry Noel, einem jungen Harvard-Absolventen, der im Juli 1947 auf die US-Staatsbürgerschaft verzichtet hatte und statt dessen begann, im besiegten Deutschland eine ausgebombte Kirche wieder aufzubauen. Verblüfft starrte ich auf die Zeitung. Dies war ein grundsätzliches Ja zur Herrschaft des Individuums über sich selbst, auf der jede gute Politik beruhen muß."

          Garry Davis reiste 1948 nach Frankreich, legte die US-Staatsbürgerschaft ab und besetzte in seinem Schlafsack ein Restaurant, das für einige Tage zu dem exterritorialen Gelände einer UN-Konferenz gehörte. Dadurch erregte er das nötige Aufsehen, um Albert Camus und die französischen Intellektuellen hinter sich zu bringen und den Anstoß für die Weltföderalistenvereinigung zu geben.

          Man kann die Begleiterscheinung für Heckmeck halten, übersieht aber dabei die Parallele zu Diogenes, der durch seinen Verzicht auf Status und partikulare Zugehörigkeit keineswegs nur als Narr der Antike Epoche gemacht hat, sondern der Nestor der Stoa war, der Philosophie, die mit ihrer Vorstellung von der Souveränität des unqualifizierten Individuums den westlichen Universalismus begründet hat, auf dessen geistiger Grundlage allein an eine Weltföderation zu denken ist. "Krates gibt Krates von Theben frei, dank dir, o Tyche, Lehrerin des Guten", sagte sein Schüler, nämlich Krates. In dieser Tradition steht Garry Davis, und in dieser Tradition steht auch noch der Autor Stephan Mögle-Stadel, der seine Geschichte erzählt. Aber so, wie die Stoa von Cicero und Marc Aurel aufgegriffen wurde, bedarf die Weltvereinigungsbewegung der großen Köpfe und Praktiker, die sie in politische Wirklichkeit umsetzen, der Madisons, Monroes und Jeffersons. SIBYLLE TÖNNIES

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