https://www.faz.net/-gqz-2o39

Rezension: Sachbuch : Kontrolliertes Entsetzen

  • Aktualisiert am

Wie Großbritannien auf die Verfolgung der Juden reagierte

          Louise London: Whitehall and the Jews, 1933-1948. British Immigration Policy, Jewish Refugees and the Holocaust. Cambridge University Press, Cambridge 2000. 327 Seiten, 32,50 Pfund.

          Ein Spitzenbeamter der britischen Ministerialbürokratie sprach im Juni 1938 von dem unaussprechlichen Horror, dem die Juden im Deutschen Reich ausgesetzt seien. Großbritannien könne keine Lösung für dieses Problem herbeiführen. Aber es müsse seiner historischen Rolle als Asylland gerecht werden und alles für die Verfolgten tun, was in Großbritannien selbst und in Palästina im Bereich seiner Möglichkeiten liege.

          Schon Ende Januar 1933 hatte der Flüchtlingsstrom aus Deutschland eingesetzt. Anfang 1938 wurde die Zahl der jüdischen Flüchtlinge auf 10 000 geschätzt. Eine weit größere Zahl entfiel auf Palästina und andere Teile des britischen Weltreichs. Nach dem "Anschluß" Österreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakei schwoll die Flüchtlingswelle auf zirka 90 000 an, von denen 85 bis 90 Prozent Juden waren. Nach Kriegsende 1945 blieben etwa 60 000 Juden, die aus Deutschland und anderen Ländern hatten fliehen können, in Großbritannien.

          In absoluten Zahlen wurde Großbritannien nur von den Vereinigten Staaten als Aufnahmeland für Juden übertroffen. In Relation zur Bevölkerungszahl dagegen stand es an der Spitze. Die Autorin, deren Eltern sich nach der Flucht aus Breslau und Wien in England kennenlernten, hält durchaus fest, was Großbritannien zur Rettung von Juden getan hat. Ihr Thema ist aber ein anderes. Sie befaßt sich mit den Grenzen der britischen Bereitschaft, das Leid der Juden zu mildern.

          Louise London will den Mythos entzaubern, Großbritannien habe zur Rettung von Juden alles erdenklich Mögliche getan. Sie empört sich über die Selbstgefälligkeit, mit der sie Briten über die Rolle ihres Landes im Krieg reden hört. Nicht humanitäre Gesichtspunkte hätten die Einwanderungspolitik der britischen Regierung bestimmt, sondern interessenbestimmte Erwägungen. Die Zahl der Flüchtlinge mußte in Großbritannien politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich verkraftbar sein. Finanziell durften sie keine Belastung für die öffentlichen Haushalte darstellen, das heißt: Die Flüchtlinge mußten, wenn sie nicht alsbald in ein anderes Land wieder ausreisten, für sich selbst aufkommen können oder von Hilfsorganisationen unterstützt werden.

          Auch wer die zugespitzte Kritik nicht teilt und die Beachtung von Interessen nicht unbedingt in striktem Gegensatz zu humanitären Motiven sieht, wird das gründlich recherchierte Buch als wichtigen Beitrag zu der Frage betrachten können, wie britische Regierungsstellen auf die Judenverfolgung und -vernichtung reagierten. Die Auswertung der Akten des Innen- und Außenministeriums macht deutlich, daß niemand in Whitehall die Augen vor der Realität verschloß. Dafür sorgten schon die privaten Organisationen, die regelmäßig ein größeres Engagement verlangten. Aber auch aufgrund der eigenen diplomatischen und geheimdienstlichen Kanäle war man bestens informiert. Schon im Herbst 1941 bekam Premierminister Churchill konkrete Zahlen über Massenerschießungen von Juden auf den Tisch. Auch über den Massenmord an Juden in Vernichtungslagern herrschte in London Klarheit. Im August 1942 formulierte ein Beamter des Innenministeriums mit wünschenswerter Deutlichkeit, was sich im deutschen Herrschaftsgebiet abspielte: die "Vernichtung der jüdischen Rasse".

          Wiederholte Bekundungen des Mitgefühls, von denen die Autorin zu berichten weiß, änderten nichts an der Linie, die Whitehall seit 1933 durchgehend verfolgte. Nach dem 9. November 1938 war Neville Chamberlain - Churchills Vorgänger im Amt des Premierministers - "entsetzt über das deutsche Verhalten gegenüber den Juden". An der 1938 eingeführten Visumspflicht für Flüchtlinge änderte sich freilich nichts. Chamberlain sprach von einem "Verhängnis in den deutsch-britischen Beziehungen", das immer wieder alle Bemühungen "blockiere", sie zu verbessern.

          In der Tat war das staatliche Interesse vorrangig auf die Entschärfung der Spannungen mit Deutschland gerichtet. Das Schicksal der Juden blieb dem ebenso untergeordnet wie der Zielsetzung nach 1939, den Krieg zu gewinnen. Flüchtlinge wollte man nur in Ausnahmefällen aufnehmen und lediglich dann, wenn dies "von Vorteil für unsere Kriegsanstrengung" wäre. Die Autorin bietet für die von ihr scharf verurteilte "Engherzigkeit" der britischen Flüchtlingspolitik zwei Erklärungen an. Zum einen war die britische Wahrnehmung der Flüchtlingsfrage davon geprägt, daß Großbritannien in seinem Selbstverständnis als Nationalstaat weder verbindliche Regeln für die Einwanderung aufstellen noch größere Minderheiten zulassen wollte. Damit hing der zweite Faktor eng zusammen, mit dem die distanzierte Haltung Whitehalls gegenüber der Unterdrückung der Juden und auch dem Holocaust erklärt wird. Man wollte in Großbritannien keine "jüdische Frage" entstehen lassen.

          Aus Furcht vor antisemitischen Reaktionen in der Gesellschaft sollte der jüdische Bevölkerungsanteil klar begrenzt bleiben, ein Gesichtspunkt, der auch von jüdischen Organisationen in Großbritannien geteilt wurde. Auch bei Kriegsende und im Lichte des Holocaust hielt der britische Innenminister daran fest. Man solle sich nicht von den deutschen Juden beeindrucken lassen, wenn diese nicht in das "Land der Mörder" zurückkehren wollten. Das Nachkriegsdeutschland werde seinen Antisemitismus vielleicht völlig ablegen. "Wenn die Juden im Lande blieben, könnten sie sich zu einem explosiven Element entwickeln, besonders bei Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage." Vielleicht lasse sich im Rahmen der Nachkriegsordnung neben Palästina noch ein anderes Siedlungsgebiet für Juden finden. "Die beste Lösung wäre es, sie dann dorthin zu schicken."

          GOTTFRIED NIEDHART

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          1:0 gegen Hoffenheim : Hintereggers Blitztor reicht der Eintracht

          Nach 36 Sekunden führte die Eintracht 1:0. Und nach 90 Minuten ebenfalls. Beim Bundesliga-Auftaktsieg gegen Hoffenheim vergibt die Eintracht viele Chancen auf einen höheren Sieg. Hoffenheims Trainer Alfred Schreuder verliert beim Bundesligadebüt.

          „Tatort“ aus Dresden : Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          Ein spektakuläres Verbrechen, ein Chef, dem die Nerven durchgehen, und zwei Ermittlerinnen mit Durchblick: Das neue Team des „Tatorts“ aus Dresden wird sich so rasant einig, dass man nur staunen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.