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Rezension: Sachbuch : Klug und weiblich

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Eine polnische Gräfin als Doppelagentin im Zweiten Weltkrieg

          3 Min.

          Gräfin Klementyna Mankowska: Odyssee einer Agentin. Ein Frauenschicksal im Zweiten Weltkrieg. dbm-Media-Verlag, Berlin 1995. 352 Seiten, 36,- Mark.

          Als Roman könnte man das Leben der Gräfin Klementyna Mankowska nicht darstellen. Zu dramatisch, zu übertrieben, zu phantastisch erschiene die Wirklichkeit. Die Autobiographie ("Espionne malgré moi", Frankreich 1994) der Polin liegt jetzt unter dem Titel "Odyssee einer Agentin" in deutscher Übersetzung vor. Darin zeichnet die heute fünfundachtzigjährige Adlige ein unvergleichlich turbulentes "Frauenschicksal im Zweiten Weltkrieg" auf.

          So sah es aus: Das bei Posen gelegene Anwesen der Gräfin und ihres zur Armee eingezogenen Mannes André wird im September 1939 nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht als Offiziersquartier beschlagnahmt und kurz darauf konfisziert. Im Dezember wird Klementyna Mankowska verhaftet und, gemeinsam mit unzähligen Landsleuten, im Viehwaggon gen Osten transportiert. Ein deutscher Wachtposten ermöglicht der charmanten Frau und ihren Kindern die Flucht nach Warschau. Dort lernt sie General Tadeus Bór-Komorowski kennen, den späteren Generalchefkommandanten des polnischen Innenheeres und Führer des Warschauer Aufstandes 1944. Die mutige Gräfin schließt sich der Widerstandsgruppe "Musketiere" an, leistet Kurierdienste, schmuggelt Dokumente, Mikrofilme und in Klopapierrollen versteckte Nachrichten. Kaltblütig sucht sie mehrfach die Gestapo auf, wohl wissend, daß in deren Büroräumen weiter ihr Haftbefehl liegt. Als die Situation in Warschau zu heiß wird, setzt sich die polyglotte Mankowska im Frühjahr 1940 über Italien in die französische Vendée ab, um Untergrundkontakte zu Paris und London aufzubauen.

          Zum zweiten Mal erlebt sie hier den Einmarsch der Wehrmacht. Ihr droht eine Einweisung in ein Lager für "unerwünschte Ausländer". Statt dessen wird sie von der deutschen Kommandantur als Dolmetscherin angestellt. Mit einem leicht verfremdeten "Lothringer Kreuz" am Revers, dem Zeichen des französischen Widerstandes, entwendet sie wichtige Papiere, verhindert Verhaftungen, schmuggelt Informationen bis Warschau und entgeht mehrfach gefährlichen Situationen und drohenden Verhaftungen. Scharfe Intelligenz und unglaubliches Glück, sicher auch ihre Schönheit, retten sie, und Deutsche, die ihren Weg kreuzen, vom General bis zum Gefreiten, ermöglichen immer wieder das Entkommen und Überleben. Einmal hilft ihr Oberst Graf von Rothkirch, nach dem Krieg Olympiareiter für die Bundesrepublik Deutschland. Ihrer beider Liebe bleibt wegen der Ehe der Gräfin unerfüllt.

          Schließlich wird die deutsche Abwehr (internes Dossier: "Entweder sehr klug und gefährlich oder sehr weiblich und naiv") auf die ebenso kluge wie weibliche Aristokratin aufmerksam. Ein "Kapitän zur See von Bonin" bietet ihr die Rückgabe ihres Besitzes an, wenn sie als Spionin nach England gehe. Mankowska willigt zum Schein ein und wird mit neuer Identität ausgestattet. Vor ihrer Abreise gibt ihr von Bonin den Ratschlag, nach der Ankunft in London nicht für das Deutsche Reich zu arbeiten, sondern "überzulaufen": "Versuchen Sie, den Engländern und den übrigen Alliierten klarzumachen, daß wir keine Bestien sind, daß es in unserem Land anständige Leute mit menschlichen Gefühlen gibt, die die Taten der Gestapo, der SS und der Partei insgesamt ablehnen." Heute ist die Gräfin überzeugt, daß es sich bei von Bonin um Abwehrchef Admiral Canaris handelte, der 1945 vom NS-Regime hingerichtet wurde. Tatsächlich offenbart sich Mankowska in London dem Secret Service. Ihre Odyssee zwischen den Fronten ist beendet; geruhsam wird es für die couragierte Polin aber auch nach Kriegsende nicht. Für rund zwanzig Jahre geht sie mit ihrer Familie in den damaligen Kongo (Zaire). Belgische Verwandte der Familie von Bismarck ebnen die Kontakte. Der heutige Chef des Hauses, Ferdinand Fürst von Bismarck, war es auch, der die im französischen Nevers lebende Gräfin animiert hat, ihr abenteuerliches Leben für die Nachwelt festzuhalten.

          Die Patriotin, die nichts von einer Nationalistin an sich hat, die polnische Agentin, die immer zwischen Nazis und Deutschen zu unterscheiden wußte, die Chronistin eines großen kollektiven Dramas, die gleichwohl den Blick für individuelle Schicksale bewahrte, schreibt einleitend: "Angst erzeugt Verachtung, Haß erzeugt Gewalt." Entstanden ist ein spannendes Buch, denkbar weit davon entfernt, ein repräsentatives Bild der Kriegstage zu zeichnen. Gerade deshalb aber sind derartige Facetten wichtig; als Beleg dafür, daß auch in unmenschlichen Zeiten Menschlichkeit nicht völlig auszulöschen ist. ANSGAR GRAW

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