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Rezension: Sachbuch : Kleine Spielbälle großer Nachbarn

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Das Schicksal der baltischen Republiken nach dem Ersten Weltkrieg

          Sigmar Stopinski: Das Baltikum im Patt der Mächte. Zur Entstehung Estlands, Lettlands und Litauens im Gefolge des Ersten Weltkriegs. Nordeuropäische Studien Band 11. Berlin Verlag Arno Spitz. Berlin 1997. 276 Seiten, 68,- Mark.

          Die Mühle des Kommunismus war nahe daran, Estland, Lettland und Litauen nur noch als Folklore aus ihrem Mahlwerk zu entlassen. Mit der staatlichen Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg konnten sich die Balten vor diesem Untergang noch in Sicherheit bringen. Die Souveränität allein reichte als Schutz aber nicht aus. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 kehrte die Bedrohung zurück. Sie war tägliche Begleiterin bis vor wenigen Jahren, als die Unabhängigkeit der drei Republiken an der Ostsee wiederhergestellt werden konnte. Seither gibt es ein überragendes Thema in der baltischen Politik: Wie kann diese Bedrohung für die Zukunft ausgeschlossen, wie kann die Souveränität und Sicherheit der drei Völker dauerhaft garantiert werden?

          Wiewohl diese Frage in Europa so alt ist wie die baltischen Republiken, wurde sie bisher nur von den Balten selbst beantwortet. Man sucht die volle Integration im Westen. Für den Rest der europäischen Welt stellte sich die "baltische Frage" indessen stets noch in Gestalt einer Gegenfrage: Und was wird aus Rußland? So ist es auch nach 1991, dem Jahr der "baltischen Wiedergeburt", geblieben. Man wird verstehen, daß sich am baltischen Ufer der Ostsee deshalb in die Freude darüber, wieder im freien Europa angekommen zu sein, eine gewisse Enttäuschung mischt. Eigentlich hatte man sich den Empfang etwas feierlicher vorgestellt. Und nicht so: "Die Balten sollten froh sein, überhaupt unabhängige Republiken zu haben. Schließlich war es Zufall und verdammtes Glück, daß sie ihre Souveränität durchsetzen konnten." Die Ansicht bekommt man auf so gut wie jeder Konferenz zu hören, die sich derzeit mit der Sicherheit des Baltikums beschäftigt - nicht etwa von Gästen aus Städten wie Moskau oder Grosny, sondern aus Paris oder Bonn.

          Das mag zynisch klingen. Aber es stimmt. Und es ist banal: Diese drei kleinen Völker könnten nie aus eigener Kraft vor den Übermächten bestehen, die sie umgeben. 1919 und 1991 war es jeweils die Laune der Weltgeschichte, die sie in die Unabhängigkeit entließ. Beide Male kann man die Situation für die Balten als fruchtbares Vakuum beschreiben, das entstanden war, weil um sie herum die Machtkonstellationen implodierten, die sie lange Zeit beherrscht hatten. Nicht umsonst wurden die Balten nicht nur am Rande von diesem Weltgeschehen berührt, sondern standen jeweils mittendrin. Sie wurden im Auge des Orkans unabhängig. Zum Dilemma der Balten gehört es indessen, daß sie nichts so sehr fürchten müssen wie gerade dieses Vakuum: Es zieht die Mächte wieder an, die eben noch dafür verantwortlich waren, daß es entstand.

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