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Rezension: Sachbuch : Kleine Sensation

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BISMARCKS REICHSTAG. Heute vergeht kein Tag, an dem nicht mehr oder weniger bedeutende Parlamentarier in der Morgenzeitung abgebildet werden. Diese "Medienpräsenz" trägt maßgeblich dazu bei, sie und die Politik, für die sie stehen, öffentlich bekannt zu machen. Der Weg zu dieser "Visualisierung" ...

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          BISMARCKS REICHSTAG. Heute vergeht kein Tag, an dem nicht mehr oder weniger bedeutende Parlamentarier in der Morgenzeitung abgebildet werden. Diese "Medienpräsenz" trägt maßgeblich dazu bei, sie und die Politik, für die sie stehen, öffentlich bekannt zu machen. Der Weg zu dieser "Visualisierung" von Politik und ihrer Repräsentanten war allerdings lang und verschlungen, wie der von der Bonner Parlamentarismuskommission herausgegebene Fotoband zeigt. Zunächst waren es allein die Monarchen, die sich zur Legitimation ihrer Herrschaft der Öffentlichkeit im Bild präsentierten. Die Französische Revolution beschnitt nicht nur ihre politische Macht, sondern sie war auch der Beginn einer Ära, in der Bilder von Abgeordneten und des Parlaments, in dem sie die Interessen des Volkes vertraten, ein wesentlicher Bestandteil einer "demokratischen Kultur" wurden. Die hier veröffentlichten 136 Fotos aus dem Frühjahr 1889 sind eine kleine Sensation: Sie stammen aus dem Nachlaß des Berliner Fotografen Julius Braatz und zeigen "Bismarcks Reichstag" in seiner ganzen Vielfalt: zunächst dessen Sitz, die provisorisch umgebaute Königliche Porzellanmanufaktur - heute steht dort das Bundesratsgebäude -, der trotz seiner Schlichtheit durch seine Ausstattung mit Sinnsprüchen "großer Deutscher" und einem riesigen Porträt Wilhelms I. den Stolz der geeinten Nation symbolisierte. Dann die Abgeordneten - einzeln oder zusammen mit ihren Fraktionskollegen: Viele sind vergessen, andere wie der populäre Zentrumsführer Ludwig Windthorst, August Bebel oder der greise "Sieger von Königgrätz", Helmuth von Moltke, hingegen heute noch bekannt. Besonders eindrucksvoll sind die Momentaufnahmen des "Reichsgründers": In Uniform am Bundesratstisch beziehungsweise in der Reichskanzlei sitzend, zeigen sie Otto von Bismarck als die bestimmende Persönlichkeit des Parlaments, wenn nicht des Reiches. Daß Braatz dabei einen besonderen Moment - dessen letzten Besuch im Reichstag überhaupt - festgehalten hat, erhöht die historische Bedeutung der Fotos. Insgesamt ist die hervorragend eingeleitete Fotodokumentation eine einzigartige Quelle zur parlamentarischen Kultur in einer der wichtigsten Phasen deutscher Geschichte. Es ist daher sehr zu begrüßen, daß die Parlamentarismuskommission diese eindrucksvollen Bilder der Öffentlichkeit in einer Wanderausstellung präsentieren will. (Andreas Biefang: Bismarcks Reichstag. Das Parlament in der Leipziger Straße. Fotografiert von Julius Braatz. Droste Verlag, Düsseldorf 2002. 320 Seiten, 192 Abbildungen, 49,80 Euro.)

          MICHAEL EPKENHANS

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