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Rezension: Sachbuch : Keine totale Tötungsabsicht

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Himmlers Befehl, die "reinrassigen" Sinti und Lalleri von der Deportation auszunehmen, stieß zwar auf Widerspruch bei Martin Bormann und der NS-Elite, blieb aber bestimmendes Prinzip. Lewy folgert daraus, daß diese Maßnahmen nicht auf einen förmlichen "Genozid", damit auf eine vollständige Liquidierung der Volksgruppe abzielten. Die Unterbringung der Deportierten im Familienlager in Auschwitz und der Umstand, daß sie jedenfalls zunächst nicht zum Arbeitseinsatz herangezogen wurden, sprächen gegen eine generelle Vernichtungsabsicht.

Lewy schildert zugleich die extreme Notlage der teils im Reichsgebiet verbliebenen, teils ins Generalgouvernement abgeschobenen Zigeuner, die dort unter unerträglichen hygienischen Bedingungen vegetierten. Er dokumentiert das Elend der später großenteils in den Vernichtungslagern umgekommenen österreichischen Zigeuner. Mit Bitterkeit beschreibt er die fortwirkenden Ressentiments der lokalen Behörden und der Bevölkerung, die zur Unterbindung des Schulbesuchs von Zigeunerkindern, zu arbeitsrechtlicher Diskriminierung und willkürlichen Eheschließungsverboten führten. Desgleichen betont er die Passivität der Bevölkerung, aber auch des hohen Klerus gegenüber dem rücksichtslosen Vorgehen der Kriminalpolizei, die selbst Kleinkinder und Schwangere von der Deportation nicht aussparte. Eingehend schildert Lewy die desolaten Verhältnisse im Zigeunerlager in Auschwitz und zeigt, daß Zigeuner zu den bevorzugten Objekten medizinischer Versuche gehörten, so in Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Ravensbrück, Natzweiler-Struthof, daß viele von ihnen in die Todesfabrik von Mittelbau-Dora verlegt oder für das Sonderkommando Dirlewanger rekrutiert wurden.

Gleichwohl sieht Lewy, ohne die Leiden und Opferzahlen der Zigeuner zu verkleinern, die Kriterien für einen gegen die Zigeuner gerichteten Genozid nicht gegeben. Im Unterschied zu den Juden bestand keine totale Tötungsabsicht. Die Auflösung des Zigeunerlagers in Auschwitz war in der Tat ursprünglich nicht intendiert, und es wurde ein Teil der Insassen vorher in das Hauptlager oder in andere Konzentrationslager verlegt. Auch die Liquidationen in Chelmo betrachtet Lewy nicht als Bestandteil eines allgemeinen Vernichtungsplans. Michael Zimmermanns Kompromißformel eines "planmäßig praktizierten, jedoch nicht vorhergeplanten Massenmordes" hält er für eine Verwässerung. Er widerspricht zugleich der vom Zentralrat der Sinti und Roma vertretenen Gleichsetzung von Juden und Zigeunern als Opfer des "Holocaust" und wendet sich gegen dessen Tendenz, mit überzogenen Opferzahlen zu operieren und angesehene Zigeunerforscher wie Johann S. Hohmann und Michael Zimmermann zu disqualifizieren.

Andererseits beanstandet Lewy schwerwiegende Versäumnisse der Bundesrepublik, den spätestens seit 1938 eindeutig verfolgten Zigeunern angemessene Entschädigungen zu gewähren. Erst 1980 habe die Bundesregierung pauschale Abfindungen an Zwangssterilisierte geleistet und Entschädigungsansprüche der Zigeuner grundsätzlich anerkannt, obwohl es in deren praktischer Behandlung auch weiterhin Unregelmäßigkeiten gegeben habe. Ein nicht weniger trübes Kapitel stellen aus Lewys Sicht die voreilig eingestellten Ermittlungen gegen Robert Ritter und seine Mitarbeiter dar, desgleichen der Skandal, daß noch in den fünfziger Jahren Mittel der DFG für eine indirekte Fortsetzung der nationalsozialistischen Zigeunerforschung bereitgestellt wurden.

Lewys lebendige und anschauliche Darstellung ordnet die Zigeunerverfolgung in die nationalsozialistische Gesamtpolitik ein und beleuchtet eindrucksvoll die widersprüchliche Willensbildung und die divergierenden ideologischen Positionen der NS-Führungselite.

HANS MOMMSEN

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