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Rezension: Sachbuch : Keine Landesverräter

  • Aktualisiert am

Marita Krauss: Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945. Verlag C.H. Beck, München 2001. 176 Seiten, 12,50 Euro.Die Geschichte der Rückwanderung ins Nachkriegsdeutschland ist erst in den neunziger Jahren zu akademischen Ehren gekommen. Marita Krauss aber darf als eine Pionierin auf diesem Gebiet gelten.

          Marita Krauss: Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945. Verlag C.H. Beck, München 2001. 176 Seiten, 12,50 Euro.

          Die Geschichte der Rückwanderung ins Nachkriegsdeutschland ist erst in den neunziger Jahren zu akademischen Ehren gekommen. Marita Krauss aber darf als eine Pionierin auf diesem Gebiet gelten. Sie erforscht die Remigration bereits seit zwanzig Jahren und legt jetzt eine erste Bestandsaufnahme vor. Dabei fallen sowohl die Vielfalt ihrer Ansätze als auch die Ausgewogenheit auf, mit der sie das Material analysiert. Am Anfang ihrer Darstellung steht die Überschreitung der Grenze als psychologisches Ereignis; es folgen Gegenüberstellungen von Außen- und Innenperspektiven. Neben der Rückkehr vertriebener Eliten aus Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft wird die Heimkehr emigrierter Politiker thematisiert; der Rückkehr von Frauen und Juden sowie der alliierten Besatzungspolitik und der Bürokratie im Nachkriegsdeutschland werden jeweils eigene Kapitel gewidmet.

          Das Land, in das die Remigranten heimkehrten, hatte sich ihnen in den Jahren des "Dritten Reiches" entfremdet, und Krauss deutet den Vorgang als einen Mechanismus der Projektion. Als sie nach 1933 emigriert waren, empfanden das viele der Daheimgebliebenen als Landesverrat und haben es ihnen auch nach 1945 nicht mehr verziehen. Nach dem verlorenen Krieg kehrte sich das Verhältnis dann um: Jetzt fürchtete man die Rache der Vertriebenen und unterstellte ihnen einen verborgenen Haß gegen die alte Heimat.

          Krauss stellt Techniken der Verdrängung dar, deren gemeinsamer Nenner die Unehrlichkeit ist. Nach 1945 durfte man in Deutschland nicht die Wahrheit sagen - das ist ein Fazit dieser Studie, und jedes ihrer Kapitel belegt es aus einem anderen Blickwinkel. Deutlich wird das zum Beispiel dort, wo die nachkriegsdeutsche Justiz über die Rückerstattung von geraubtem Besitz zu entscheiden hatte. Das Umzugsgut der Emigranten hatte man oft als "Feindvermögen" beschlagnahmt und versteigert, den Erlös hatte man teilweise auf einem Sparbuch deponiert. Nach dem Krieg zahlte man den Rückkehrern den völlig entwerteten Bestand dieses Kontos aus. "Es wurde nie die rechtliche Gleichsetzung des Emigranten-Umzugsguts mit ,Feindvermögen' in Frage gestellt", schreibt Krauss: "So konnte man sich hinter die scheinbare Rechtmäßigkeit der Verordnungen des Unrechtsregimes zurückziehen."

          Es gelingt Krauss überzeugend, an gut gewählten Einzelfällen das Wesentliche der Gesamtsituation festzumachen. Besonders eindrucksvoll ist das Bild, das sie im Kapitel "Rückkehr in die Politik" nachzeichnet: Im Vergleich zwischen den Besatzungszonen der Nachkriegszeit wird sichtbar, daß die unterschiedlichen Entwicklungen der beiden deutschen Teilstaaten auch eine Folge völlig verschiedener Haltungen war, die die Siegermächte in Ost und West zur Frage der Remigration einnahmen.

          In der ersten Jahreshälfte 1946 kamen Kommunisten aus Skandinavien, Mexiko und Großbritannien in die Sowjetische Besatzungszone zurück, aber diese "Westemigranten" konnten sich gegen die von den Sowjets eingeschleusten Initiativgruppen der Moskau-Remigranten nie durchsetzen. In Berlin wurde die Gruppe Ulbricht installiert, in Sachsen die Gruppe Ackermann, in Mecklenburg-Vorpommern die Gruppe Sobotka. Den weiteren Ausbau der Remigration und damit alle Schaltstellen der entstehenden DDR übernahm Walter Ulbricht selbst.

          Ein solches Ausmaß hat die "reeducation" der westlichen Siegermächte nie erreicht. Die politischen Emigranten, die nach Westdeutschland zurückkehrten, gehörten nicht der KPD, sondern zumeist der SPD an. Krauss macht zwar ein Netz alter Parteiloyalitäten sichtbar, das hier zum Tragen kam, aber von einer durch die Alliierten gesteuerten Machtübernahme nachweislicher Antifaschisten aus der Emigration kann nirgends die Rede sein. Selbst der erfolgreichste der SPD-Remigranten, Willy Brandt, konnte während der Wahlkämpfe bis weit in die Nachkriegszeit von Politikern wie Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß als "Landesverräter" angegriffen werden.

          Obwohl Krauss die von ihr beschriebenen Konstellationen immer kritisch beobachtet, ist ihr Urteil über die Langzeitwirkungen der Remigration in der Bundesrepublik nicht unbedingt pessimistisch. Sie stellt zwei Thesen vor, die in der Forschung miteinander konkurrieren: Die eine erkennt besonders in der politischen Remigration ein konservatives Element, das wieder an die Traditionen der Weimarer Republik anzuknüpfen suchte; die andere nimmt eine aus dem Exil mitgebrachte Modernisierungstendenz wahr. Mit gebührender Vorsicht neigt Krauss der Modernisierungsthese zu. Beispielsweise zeige das Bad Godesberger Programm der SPD den Einfluß einer im Exil erfahrenen Ausweitung des politischen Horizontes.

          JAKOB HESSING

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