https://www.faz.net/-gqz-39ds

Rezension: Sachbuch : Keine Frauen Hitlers

  • Aktualisiert am

KONZENTRATIONSLAGER. In Ravensbrück bei Fürstenberg (Havel) wurde 1939 das größte Konzentrationslager für Frauen errichtet. Die Abgeschiedenheit in dem waldreichen und dünn besiedelten Landstrich zwischen Berlin und Neubrandenburg ließ diesen Standort aus Sicht der KZ-Bauherren besonders geeignet erscheinen. Zwischen ...

          1 Min.

          KONZENTRATIONSLAGER. In Ravensbrück bei Fürstenberg (Havel) wurde 1939 das größte Konzentrationslager für Frauen errichtet. Die Abgeschiedenheit in dem waldreichen und dünn besiedelten Landstrich zwischen Berlin und Neubrandenburg ließ diesen Standort aus Sicht der KZ-Bauherren besonders geeignet erscheinen. Zwischen Mai 1939 und April 1945 sind insgesamt etwa 130 000 Frauen in Ravensbrück inhaftiert gewesen, darunter vor allem Zeuginnen Jehovas (damals "Bibelforscherinnen" genannt), "asoziale", politische und jüdische Häftlinge. Die Dauer der Haft reichte für die Überlebenden von zehn Monaten bis zu drei Jahren. Bis 1940 machten die mit schwarzem Winkel als "asozial" stigmatisierten Häftlinge ein Drittel und damit die zahlenmäßig größte Gruppe der Inhaftierten aus. Frauen aus den im Zweiten Weltkrieg besetzten Ländern kamen bis auf wenige Ausnahmen als politische Häftlinge (mit rotem Winkel) in das Lager. Sie bildeten von 1941 an die größte Häftlingsgruppe. Zu den "Asozialen" gehörten nach nationalsozialistischer Sprachregelung Menschen, die unangepaßt Randexistenzen führten und dem ideologischen Konzept des "reinen Volkskörpers" innerhalb der "Volksgemeinschaft" entgegenstanden. Im KZ Ravensbrück waren dies hauptsächlich straffällig gewordene Prostituierte, Bettlerinnen und "Zigeunerinnen" sowie obdachlose und wegen Arbeitsverweigerung verurteilte Frauen. Diese Häftlingsgruppe steht im Mittelpunkt der von Christa Schikorra vorgelegten Studie. Die Autorin hat Berichte und Erzählungen überlebender Frauen sowie die Bestände regionaler und zentraler Archive ausgewertet. Auf dieser Quellenbasis gelingt es ihr, langjährige Mechanismen der Ausgrenzung und Verfolgung "asozialer" Frauen im allgemeinen und die Binnenstruktur des Frauen-KZ Ravensbrück aus Häftlingsperspektive im besonderen darzustellen. Schikorras Befunde sind um so bemerkenswerter, als das Konzentrationslager Ravensbrück und die Gruppe der als "asozial" diskriminierten Frauen bisher kaum im Blickfeld der Zeitgeschichtsforschung standen. (Christa Schikorra: Kontinuitäten der Ausgrenzung. "Asoziale" Häftlinge im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Metropol Verlag, Berlin 2001. 280 Seiten, 19,43 Euro.)

          HANS-JÜRGEN DÖSCHER

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Impeachment-Ermittlungen : Sie macht nur Ärger

          Am zweiten Anhörungstag der Impeachment-Ermittlungen wird klar, wie Donald Trump die frühere amerikanische Botschafterin in Kiew aus dem Weg räumen ließ.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.