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Rezension: Sachbuch : Keine Brüder

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Helmut Neuberger: Winkelmaß und Hakenkreuz. Die Freimaurer und das Dritte Reich. Langen Müller Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2001. 500 Seiten, 68,- Mark.Das "Ende der Freimaurerei in Deutschland" feierte am 8. August 1935 der "Völkische Beobachter". Der geheimnisumwitterte Männerbund der Freimaurer ...

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          Helmut Neuberger: Winkelmaß und Hakenkreuz. Die Freimaurer und das Dritte Reich. Langen Müller Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2001. 500 Seiten, 68,- Mark.

          Das "Ende der Freimaurerei in Deutschland" feierte am 8. August 1935 der "Völkische Beobachter". Der geheimnisumwitterte Männerbund der Freimaurer stand neben Sozialisten und Juden im Zentrum vor allem völkischer Schuldzuweisungen nach dem militärischen Zusammenbruch von 1918. Auch Adolf Hitler wähnte in "Mein Kampf" Deutschland in "jüdisch-freimaurerischer Umklammerung". Logenbrüder galten somit als "weltanschauliche Gegner" des Nationalsozialismus und wurden bekämpft.

          Von den letzten und rücksichtslosesten Maßnahmen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, der Entfernung aus der Gesellschaft und der Ermordung, wie sie vor allem die Juden traf, blieben die Freimaurer verschont. Unter Straßenterror, Zerschlagung und Plünderung ihrer oft vermögenden Organisationen, Durchsuchungen von Privathaushalten sowie in mehreren Fällen Schutz- oder KZ-Haft hatten auch sie zu leiden. Diesem Aspekt der nationalsozialistischen Herrschaft widmet Helmut Neuberger eine umfassende Studie.

          Die Freimaurerei war ursprünglich eine Angelegenheit des Bürgertums und wandelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts von einer Emanzipationsbewegung zu einem unpolitischen, überalterten Männerbund, bei dem weitgehend esoterische und gesellige Aspekte im Vordergrund standen - auch dadurch, daß sich, wie in Preußen, gekrönte Häupter an ihre Spitze gesetzt hatten. Die Logen entwickelten in der veränderten Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg eine erstaunliche Anziehungskraft und erreichten 1925 mit 82 194 Freimaurern in 632 Logen ihren höchsten Mitgliederstand in Deutschland überhaupt.

          Die indifferente Haltung der Öffentlichkeit erhielt 1927 durch das Pamphlet "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse" von Erich Ludendorff, dessen Autorität als ehemaliges Mitglied der kaiserlichen Obersten Heeresleitung im bürgerlichen politischen Spektrum zunächst sehr hoch einzuschätzen war, einen starken antifreimaurerischen Impuls. Erst als der General sich durch immer verstiegenere Verschwörungstheorien disqualifizierte, ließ sein Einfluß nach. In der Propaganda der NSDAP wurden die Feindbilder in der Regel bestimmten Politikfeldern zugewiesen: innenpolitische Entwicklungen dem "Marxismus", wirtschaftliche Schwierigkeiten und unliebsame kulturelle Erscheinungen dem "Judentum" und schließlich negative außenpolitische Entwicklungen der "Freimaurerei".

          Nach der "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 pöbelte die SA Freimaurer an, plünderte und beschlagnahmte Logenhäuser, bis sich Gestapo und SD die "Bekämpfung" der Logen teilten. Die Gestapo übernahm den aktiven exekutiven Part, der SD das Ausforschen und Überwachen. Der SD stellte in den beschlagnahmten Logenarchiven wohl bald die Haltlosigkeit der verstiegenen Verschwörungstheorien fest, denn aus der Materialfülle entstanden mehrere an wissenschaftlichen Methoden orientierte Untersuchungen, die sich vor allem auf die Rolle der Freimaurerei bei der Entstehung von Demokratiegedanken und Liberalismus konzentrierten und die weltanschauliche Unvereinbarkeit mit dem Nationalsozialismus auf diese Weise begründeten. Dennoch wurden ehemalige Freimaurer planmäßig in der NSDAP, im öffentlichen Dienst und, wenn der Einfluß reichte, auch in der Wirtschaft diskriminiert und behindert. Oft verstärkte die frühere Logenzugehörigkeit im Fall einer Denunziation den Anfangsverdacht.

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