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Rezension: Sachbuch : Kaganowitsch erinnert sich

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Vom eisernen Volkskommissar zum Pensionär mit Unionsbedeutung

          4 Min.

          Lasar Kaganowitsch: Pamjatnye zapiski (Erinnerungen). Vagrius Verlag, Moskau 1996. 570 Seiten, 25,- Mark.

          Lasar Mojsejewitsch Kaganowitsch war einer der engsten Vertrauten Stalins. Über 25 Jahre stand er in der ersten Reihe der stalinistischen Führung, gehörte zum inneren Kreis des Politbüros, war Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Minister für Verkehr und Industrie und stellvertretender Ministerpräsident. Nach Molotow wurde keiner so häufig von Stalin empfangen wie Kaganowitsch, das belegen die kürzlich veröffentlichten Besucherlisten aus Stalins persönlicher Kanzlei. Im Juni 1957, vier Jahre nach Stalins Tod, wurde Kaganowitsch von Chruschtschow entmachtet. Zusammen mit Molotow und Malenkow wurde er aus dem Politbüro und dem ZK ausgeschlossen, nachdem man ihn beschuldigt hatte, eine "Anti-Partei-Gruppe" gebildet zu haben. Es folgte eine "Verbannung" als Betriebsleiter in die Ortschaft Asbest im Gebiet Swerdlowsk, wo kurz zuvor noch die letzten deutschen Kriegsgefangenen den gesundheitsschädlichen Stoff des gleichen Namens abgebaut hatten. Nach zwei Jahren konnte der ehemals so mächtige Parteiführer nach Moskau zurückkehren, wo er als "Pensionär mit Unionsbedeutung" die zulässige Höchstrente bezog. Allerdings wurde Kaganowitsch 1961 aus der Partei ausgeschlossen. Man machte ihn - zu Recht - verantwortlich für den Terror der Stalin-Zeit, der damals erstmals unter dem Schlagwort des "Personenkults" kritisiert wurde. Die meisten anderen, die für Millionen Tote während der Herrschaft Stalins in hohem Maße verantwortlich waren, blieben allerdings auf ihren Posten und in der Partei; nur einige wenige wurden vor Gericht gestellt.

          Kaganowitsch hat seine Entmachtung und den Parteiausschluß nie verwunden. Immer wieder bemühte er sich um eine Wiederaufnahme, die ihm - im Gegensatz zu Molotow - jedoch verweigert wurde. Über 30 Jahre lebte Kaganowitsch in einem Mietshaus am Frunse-Ufer in Moskau, agitierte im Hof seine Nachbarn und trug nach alter Gewohnheit Verbesserungen in die Beschlüsse des Politbüros und des Ministerrates ein - im Unterschied zu früher nicht mehr vor der Beschlußfassung, sondern nachdem sie in der Zeitung veröffentlicht worden waren. Kaganowitsch überlebte alle seine alten Genossen aus der stalinistischen Führung. Der "eiserne Volkskommissar" - so eine der gängigen Bezeichnungen Kaganowitschs in den dreißiger Jahren - starb 1991 im Alter von 97 Jahren in Moskau.

          Lange ging das Gerücht, Kaganowitsch arbeite an seinen Memoiren. Nun liegen sie vor, genauer gesagt, ein Teil von ihnen, denn der ehemalige Sowjetführer hinterließ 14000 handgeschriebene Manuskriptseiten, an denen er zwischen 1960 und 1991 arbeitete. Obwohl schon fast erblindet, schrieb er bis zu seinem Tode, zuletzt in kaum leserlicher Schrift - zu diktieren, wie Chruschtschow es getan hatte, weigerte er sich.

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