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Rezension: Sachbuch : "Jetzt wird alles gut!"

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Fähnleinführer und Trommlerbuben: Eine Jugend im Jungvolk

          Wolfgang Venohr: Erinnerung an eine Jugend. F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 1997. 235 Seiten, Abbildungen und Dokumente, 39,90 Mark.

          Auf dem Schutzumschlag blickt ein junger Mann ernst und ein wenig hochmütig in die Kamera. Es ist der Autor im Sommer 1941. Damals war er sechzehn Jahre alt. Am unteren Bildrand sieht man ein Abzeichen im Knopfloch, das aber nur zum Teil abgebildet ist. Am Schluß des Buches taucht das gleiche Foto noch einmal in Großformat auf. Jetzt erkennt man am Revers das Hitlerjugend-Abzeichen.

          Unter manchen alten Leuten scheint es heutzutage Mode zu sein, von ihrer Jugend im Jungvolk zu schwärmen. Als man vor zwei Jahren der fünfzigsten Wiederkehr des Kriegsendes gedachte, tauchten im Fernsehen allerlei betagte Herren und Damen auf, die als Zeitzeugen treuherzig versicherten, sie seien mit Begeisterung "Pimpf" oder "Jungmädel" gewesen. Natürlich hätten die Nazis ihren Idealismus schmählich mißbraucht, aber das "Gemeinschaftserlebnis" sei doch zu schön gewesen. Und dann erzählten sie aus ihrer besonnten Vergangenheit: Eintopf am Lagerfeuer, Geländespiele mit zünftigen Ringkämpfen und Heimabende in rupfenbespannten Kellern, wo man zur Klampfe mit Vorliebe melancholische Landsknechtslieder sang. Keiner war dabei, der das pseudoromantische Brimborium albern fand, den "Dienst" im Jungvolk als öde Zeitvergeudung betrachtete und lieber ein gutes Buch gelesen hätte.

          Der Autor des vorliegenden Buches, damals Fähnleinführer im Jungvolk, schrieb mit Sebastian Haffner den Bestseller "Preußische Profile". Seine Jugenderinnerungen stammen aus dem Jahre 1960. Erst jetzt, siebenunddreißig Jahre später, hat er sie veröffentlicht. Gleich zu Beginn erfahren wir, daß sein Vater schon vor 1933 SA-Mann war. Beim Verteilen von Flugblättern in Berliner Arbeitervierteln wurde er immer wieder von Kommunisten überfallen. Manchmal kam er blutüberströmt nach Hause. Man verehrte in der Familie den zwielichtigen Korpsstudenten Horst Wessel, der nach seiner Ermordung von Goebbels zur Märtyrerfigur der SA stilisiert wurde. Die Mutter des Autors, die Zivilcourage besaß und den Personenkult um Hitler verabscheute, summte, wenn sie für die SA-Kameraden ihres Mannes Schmalzstullen schmierte oder ihre Braunhemden flickte, gern das Horst-Wessel-Lied. Der Sohn pinnte eine Rötelzeichnung des toten Sturmführers über sein Bett.

          Man diskutierte in der gutbürgerlichen Familie leidenschaftlich über politische Themen, wobei man sich nicht nur der braunen, sondern oft auch roter Kampfparolen bediente. Alle waren sich einig, daß es künftig nur eine sozialistisch geprägte, klassenlose Gesellschaft ohne jegliche Standesunterschiede geben dürfe. Kapitalistische Großkonzerne, so verlangte der Vater kategorisch, müßten Volkseigentum werden. Am Tag der Machtübernahme beobachtete der achtjährige Sohn irritiert, wie sein Vater im elterlichen Schlafzimmer in SA-Uniform vor der Mutter kniete, den Kopf in ihrem Schoß verbarg und, immer wieder schluchzend vor Glück, stammelte: "Jetzt wird alles gut!"

          Erst sieben Jahre später, im Frühjahr 1940, erhält der Vater im gerade eroberten Posen, das nun "Gauhauptstadt des Reichsgaues Wartheland" heißt, einen gutbezahlten Posten. Die Familie aus dem "Altreich" kommt sich vor wie im Schlaraffenland. In einem eleganten, hell erleuchteten Restaurant am Marktplatz ißt man Gänsebraten. Polen haben zu diesem Lokal keinen Zutritt. In der Straßenbahn dürfen sie nur in einem überfüllten Waggon fahren, die anderen Wagen sind für Deutsche reserviert. Während die Polen vor Lebensmittelgeschäften Schlange stehen müssen, tippen die Angehörigen der privilegierten Herrenrasse nur an ihr Parteiabzeichen und werden sofort bevorzugt bedient. Der nun Fünfzehnjährige ist über den rüden Kolonialstil der Nazis empört. Höhepunkt seiner schlimmen Erfahrungen ist dann ein "Fahnenmarsch" des Posener Jungvolks, bei dem er miterleben muß, wie ein Schlägertrupp der Hitlerjugend alle Polen und Juden, die es wagen, vor den HJ-Fahnen nicht ehrerbietig die Mütze zu ziehen, brutal mit Lederriemen mißhandelt. Er protestiert dagegen, wird deshalb vor versammelter Mannschaft degradiert und anschließend fast krankenhausreif geschlagen. Kurz nach diesem traumatischen Erlebnis endet das Erinnerungsbuch. Man erfährt nur noch, daß er sich möglichst bald als Freiwilliger zur Wehrmacht melden will und später in Gefangenschaft gerät.

          Das Buch ist aus mancherlei Gründen eine unerfreuliche Lektüre. Man sieht eine ideologisch raffiniert manipulierte Jugend, deren Bereitschaft zur Verführung oft beklemmend ist. Obendrein empfindet man es als lästigen stilistischen Kunstgriff, daß die Figuren jener Zeit permanent in direkter Rede zitiert werden. Denn wer hat schon ein so phänomenales Gedächtnis, um bei der Niederschrift zwanzig Jahre später fast jedes Gespräch authentisch wiedergeben zu können? Zumal von einem Tagebuch aus den Jahren 1930 bis 1941 nirgends die Rede ist.

          Im Text wimmelt es von pathetischen Gemeinplätzen, die mitunter unfreiwillig komisch wirken. Der Kult etwa, der mit dem erträumten "Jungenstaat", den Trommlerbuben und den sentimentalen Marschliedern getrieben wird, erinnert fatal an ein verstaubtes Wandervogel-Brevier. Auf der Suche nach der fernen Jungvolkzeit ist der Autor leider auf Abwege geraten. HENNING SCHLÜTER

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