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Rezension: Sachbuch : Jederzeit einsatzbereit

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Ein Bildband über den Kalten Krieg

          Jeremy Isaacs, Taylor Downing: Der Kalte Krieg. Aus dem Amerikanischen von Heike Schlatterer und Norbert Juraschitz. Diana Verlag, München 1999. 438 Seiten, durchgehend illustriert, 68,- Mark.

          Natürlich darf man bei einem Kaleidoskop der Zeitgeschichte kein historisches Meisterwerk erwarten. Nicht die großen Namen der angelsächsischen Geschichtsschreibung wie Alan Bullock, Hugh Trevor-Roper, Gordon Craig oder Fritz Stern sind hier versammelt. Ein Team von Rechercheuren, Dokumentarfilmern, Redakteuren, Militärhistorikern und Publizisten hat in aller Welt Material für die amerikanische Fernsehserie "The Cold War" gesammelt und daraus dieses imposante Begleitbuch destilliert.

          In einer Mitteilung des Verlages ist davon die Rede, daß die erste Phase des Kalten Krieges von 1917 bis 1953 gedauert habe. Das ist eine verblüffende These, denn die meisten Historiker sind sich schließlich darin einig, daß der "Cold War" erst nach der Potsdamer Konferenz mit Churchills Rede in Fulton begonnen habe, wo er im März 1946 das Wort vom "Eisernen Vorhang" benutzte, den die Sowjets zwischen Stettin und Triest heruntergelassen hätten. Aber vielleicht wollte man bei der Konzeption der kostspieligen TV-Serie nicht auf all das zeitgeschichtlich so ergiebige Bildmaterial aus der frühen Sowjetunion und der Epoche des Zweiten Weltkrieges verzichten, das genaugenommen in das Vorfeld des großen Konflikts zwischen den beiden Supermächten gehört.

          Das Buch ist angenehm sachlich geschrieben, nirgends findet eine Anbiederung an den Geschmack des Fernsehpublikums statt, dem der Band ja letzten Endes seine Existenz verdankt. Viele berühmte Fotos werden, neben ganz unbekannten Aufnahmen, in einem effektvollen Layout präsentiert. All die Highlights internationaler Bildreportagen tauchen auf: Im doppelseitigen Großformat kniet Willy Brandt im Warschauer Ghetto - was übrigens keine spontane, aus dem historischen Augenblick geborene Geste war, sondern, wie er selbst später bekannte, ein wohlbedachter politisch-moralischer Akzent. Oder: Man sieht den jungen Präsidenten Kennedy auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise mit ernster Miene vor vielen Fernsehkameras bei seiner legendären Ansprache an die Nation. In seinem Gesicht spürt man die ungeheure Verantwortung angesichts des drohenden Dritten Weltkrieges.

          Während man die Bilddokumente betrachtet und sich in die sorgfältige Schilderung der dramatischen Ereignisse vertieft, erscheint es fast wie ein Wunder, daß der Atomkrieg über all die Jahrzehnte hinweg tatsächlich nur ein Menetekel blieb. Denn das riesige Arsenal an Kernwaffen war ja auf beiden Seiten jederzeit einsatzbereit, und mehr als einmal wäre um Haaresbreite das atomare Inferno, wie einst in Hiroshima und Nagasaki, wieder schreckliche Realität geworden. Zum Beispiel an jenem Herbstsonntag des Jahres 1962, als russische Kriegsschiffe mit Atomraketen an Bord auf die kubanischen Häfen zusteuerten. Kennedy hatte der amerikanischen Marine eine strikte Seeblockade rund um die Insel befohlen. Buchstäblich in letzter Minute beendete Chruschtschow das tödliche Pokerspiel und ließ seine Schiffe abdrehen. Auch am "Checkpoint Charlie" in Berlin lag damals Krieg in der Luft. Russische und amerikanische Panzer standen einander an der weißen Grenzlinie gefechtsbereit gegenüber. Beide Seiten hatten angeblich Befehl, den ersten Schuß des Gegners sofort zu erwidern. Es dauerte viele Stunden, bis der Kommandant des russischen Führungspanzers plötzlich mit aufheulendem Motor ein paar Meter zurücksetzte.

          Fast vergessen ist der Korea-Krieg von 1950 bis 1953, wo die Amerikaner, wie später in Vietnam, schwere Niederlagen hinnehmen mußten und beim Rückzug überall "verbrannte Erde" hinterließen. Wer weiß heutzutage noch, daß die primitiv ausgerüstete chinesische Volksarmee die amerikanischen Truppen in Nordkorea regelrecht in die Flucht geschlagen hat? Erst viel später, durch massive Bombenangriffe, gewannen die Amerikaner die Oberhand und eroberten das von ihnen völlig zerstörte Seoul.

          Schade, daß von den angelsächsischen Autoren des Buches offenbar niemand die Tagebücher von Thomas Mann gelesen hat. Denn dort ist 1950 häufig von den mit großer Brutalität geführten Kämpfen in Korea die Rede. Die empörten Notizen des Nobelpreisträgers hätten die Schilderung der Kriegsereignisse zweifellos abgerundet. Übrigens bescherte jener Krieg den Japanern und den Deutschen den "Korea-Boom": Der riesige Bedarf der Amerikaner an Nachschubmaterial aller Art führte in beiden Ländern zur ersten Phase des Wirtschaftswunders.

          Die optische Wucht des Fotomaterials ist mitunter irritierend und lenkt von der Lektüre des eindrucksvollen Bandes ab. Das ist bedauerlich, denn der Text ist klug komponiert: Immer wieder wird mit pointierten Kurzformeln die Quintessenz des jeweiligen Themas herausgefiltert. Mit farblich speziell akzentuierten Passagen wird der Leser gleichsam aufgefordert, sich in das komplette Kapitel zu vertiefen. Ein Editionsprinzip, das Respekt verdient.

          HENNING SCHLÜTER

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