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Rezension: Sachbuch : Insel im Meer der goldenen zwanziger Jahre

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Russische Emigranten in der Weimarer Republik / Ein Sammelband mit Makeln

          Karl Schlögel (Herausgeber): Russische Emigration in Deutschland 1918 bis 1941. Leben im europäischen Bürgerkrieg. Akademie Verlag, Berlin 1995. 550 Seiten, Abbildungen, 88,- Mark.

          Nach der Oktoberrevolution erlebte Rußland den wohl schmerzlichsten kulturellen Aderlaß seiner Geschichte. Bürgerkrieg, Terror und Hungersnöte kosteten das Land in den Jahren 1918 bis 1922 nicht nur mehreren Millionen Menschen das Leben, sondern vertrieben auch einen beträchtlichen Teil der politischen, volkswirtschaftlichen und geistigen Elite. Sie suchte in den umliegenden Staaten Schutz. Die Zahl der Exilierten lag zwischen einer und drei Millionen - genau wird das nie zu ermitteln sein. Es waren darunter zaristische Offiziere und Generäle, Politiker von den Sozialrevolutionären bis zu den Konstitutionellen Demokraten und Monarchisten, Unternehmer, Verleger, Künstler, Schauspieler und Tänzerinnen sowie in besonderer Zahl Journalisten und Literaten.

          Infolge der in Westeuropa grassierenden Bolschewiken-Furcht und der besonderen Beziehungen, die zwischen dem Deutschen Reich und dem Rätestaat durch den Frieden von Brest-Litowsk und dem Sondervertrag von Rapallo geknüpft waren, wurde Deutschland zum bevorzugten Ziel der russischen Emigranten. Namentlich Berlin, selbst durch Inflation und soziale Spannungen erschüttert, wurde für viele Russen zur ersten Etappe eines unsicheren Lebens im Ausland.

          Das "russische Berlin", die legendenumwobene Insel im Meer der goldenen Zwanziger, bildete ein Konzentrat russischer Kultur, wie es niemals zuvor und danach außerhalb der russischen Grenzen bestanden hat. Im Bezirk Mitte hatten sich russische Firmen, Läden, Buchhandlungen und Verlage eingenistet, in den Hotels und Pensionen des Berliner Westens wimmelte es von Russen. Den Kurfürstendamm nannte der Volksmund in Anspielung auf Lenins NEP-Politik "Neppski-Prospekt". Um 1922, vor der Einführung der Nansen-Pässe, soll sich etwa eine halbe Million Russen in Deutschland aufgehalten haben; nach der nationalsozialistischen Machtübernahme sank die Zahl auf 40000.

          Was Rang und Namen in der russischen Literatur hatte, lebte zwischen 1921 und 1923 in Berlin. Im Café Landgraf (Kurfürstenstraße 75) etablierte sich das russische "Haus der Künste". Dort kamen Realisten und Symbolisten, Serapionsbrüder und Konstruktivisten, Imaginisten und Futuristen lautstark und kontrovers zu Wort. Berlin war damals das eigentliche Zentrum der russischen Literatur. Trotz mannigfaltiger Anstrengungen sind wir allerdings von einer Gesamtdarstellung der russischen Emigration in Deutschland noch weit entfernt.

          Sie ist so lange nicht zu erwarten, bis der unübersichtliche "Unterbau" der Emigration freigelegt ist. Dies versucht jetzt Karl Schlögel mit dem von ihm herausgegebenen Band "Russische Emigration in Deutschland 1918-1941". Es handelt sich um die zweite große Publikation aus einem Forschungsprojekt der Universität Konstanz. Es soll mit einer "Chronik russischen Lebens in Deutschland 1918-1941" abgeschlossen werden.

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