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Rezension: Sachbuch : In Kellerverliesen gequält

  • Aktualisiert am

Leidenszeit in sowjetischer und ostdeutscher Haft: Frauen berichten

          Annerose Matz-Donath: Die Spur der roten Sphinx. Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen. Verlag S. Bublies, Koblenz 2000. 480 Seiten, 48 Seiten Abbildungen, 48,- Mark.

          Auf der Konferenz in Potsdam ermächtigten die Alliierten im Sommer 1945 noch gemeinsam die jeweiligen Zonenbefehlshaber zur Internierung und späteren Aburteilung von Kriegsverbrechern, führenden Nationalsozialisten sowie Personen, die für die Besatzungsmächte möglicherweise gefährlich werden konnten. Bis 1948 wurden belastete Personen in ehemaligen Konzentrationslagern und Kriegsgefangenenlagern interniert. Während in den westlichen Zonen die meisten von ihnen nach kurzer Zeit als entnazifizierte "Mitläufer" wieder entlassen wurden, gingen die sowjetischen Militärtribunale unter dem zunehmenden Einfluß des NKWD dazu über, vermeintliche oder tatsächliche Systemgegner im Stil der stalinistischen "Säuberungen" auszuschalten.

          Willkürlich verhaftete Personen, die als Konterrevolutionäre oder Westspione denunziert und verdächtigt wurden, verschwanden zunächst spurlos in "Speziallagern" und Gefängnissen. Dort wurden sie, von der Außenwelt isoliert, nach grotesken Scheinprozessen zu Todesstrafen oder hohen Zuchthausstrafen verurteilt und unter menschenunwürdigen Bedingungen jahrelang gefangengehalten. Eine seit 1992 zugängliche Kartei im Moskauer Staatsarchiv der Russischen Föderation weist eine Zahl von 157837 Gefangenen für den Zeitraum bis zum März 1950 aus, reale Zahlen dürften deutlich darüber liegen. Auch nachdem die Gefangenen Anfang 1950 von der Sowjetunion an die Polizeibehörden der inzwischen gegründeten DDR übergeben worden waren, besserte sich für viele die Lage nicht.

          Die Journalistin Annerose Matz-Donath, selbst 1948 als angebliche Westspionin verhaftet und fast zwölf Jahre in verschiedenen Gefängnissen und Zuchthäusern festgehalten, hat 130 von etwa 1300 Frauen interviewt, die nach der Auflösung der "Speziallager" trotz offenkundig unhaltbarer Beschuldigungen ab 1950 weitere Jahre ihrer "Strafe" im Frauenzuchthaus Hoheneck im Erzgebirge absitzen mußten. Viele von ihnen vermochten ihr Schweigen erst zu brechen, nachdem sie in den neunziger Jahren durch die Moskauer Militärstaatsanwaltschaft rehabilitiert worden waren. Sie berichten von überfallartigen Verhaftungen, quälenden Verhören und erpreßten Geständnissen, von sexistischen Drangsalierungen, vom Spitzelsystem in den Zellen, vor allem aber von den barbarischen Zuständen in den Kellerverliesen der sogenannten Untersuchungshaft.

          Es besteht nach allem, was über die menschenverachtenden Praktiken des Stalinismus bekannt ist, kein Grund, an den Inhalten dieser anonymisierten Berichte zu zweifeln. Es stellen sich aber Zweifel ein am Umgang mit dem umfangreichen Material dieses Oral-History-Projekts, das zwar keinen wissenschaftlichen Standard für sich beansprucht, sondern (so die Autorin in der Einleitung) "im vollen tröstenden Sinne menschliche Anteilnahme" wecken möchte, das sich aber desungeachtet als eine Darstellung der politischen Verfolgung in der SBZ versteht, die jenseits der Einzelfälle Geltung haben soll.

          Man vermißt die sachliche Perspektive und die bewußte sprachliche Distanz, die zum einen den unterschiedlichen Selbstzeugnissen zugestände, für sich selbst zu sprechen, und die zum andern dem Leser den Raum gäbe, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Statt dessen färben vorweggenommene Bewertungen und politische Einschätzungen sowohl die Darstellung des historischen Szenarios wie auch die darin eingefügten Aussagen einheitlich ein.

          Nun könnte man zwar den emotionsgeladenen Ton, mit dem die Interviewausschnitte kommentiert und erläutert werden, auf das begreifliche Ressentiment einer zu Unrecht verurteilten, erst im Alter rehabilitierten Frau zurückführen, die wie viele andere ein Leben lang an den Folgen ihrer Haft zu leiden hatte. Aber die immer wieder eingestreuten Gleichsetzungen der roten und braunen "Brüder im bösen totalitären Geiste" lassen vermuten, daß hier zugleich mit der verspäteten, zweifellos fälligen Aufdeckung des erlittenen Unrechts noch eine zweite Lesart nahegelegt werden soll, eine Lesart, die den Nationalsozialismus relativiert und verharmlost und in der Tendenz sogar als das kleinere Übel erscheinen läßt.

          Im Vergleich mit den angedeuteten NS-Verbrechen erscheint der geschilderte blutige sowjetische Terror nicht nur als Steigerung der Unmenschlichkeit, sondern auch als eine universellere Bedrohung, deren historisch-theologische Herleitung von der mangelnden Staatsferne der Russischen Orthodoxen Kirche über den Panslawismus geradewegs ins "Rote Dritte Rom" und die Hölle des GULag führt. Einem Heer von Spitzeln und "willigen Helfern" in der DDR werden die unpolitischen deutschen Zeitgenossen im NS-Staat gegenübergestellt, die fast alle zur Zwangsmitgliedschaft in den Parteiorganisationen verpflichtet und vom "Rattenfänger" Hitler verführt worden seien.

          Wenn schließlich die Haftbedingungen in "deutschen Gefängnissen" und "Hitler-KZs" mit denen der SBZ und DDR verglichen werden, fällt das Ergebnis sogar zugunsten des "braunen Bruders" aus. Spätestens hier beginnt die menschliche Anteilnahme zu erstarren. Schon die Stereotypie eines Vergleichs, der immer nur Gemeinsames finden kann, ist fragwürdig. Aber daß es den einen Opfern besser ergangen sein soll als den anderen, stellt eine durch nichts zu rechtfertigende Aufrechnung dar.

          Soll das ein Beitrag sein zur "umfassenden Aufarbeitung von Ursachen, Geschichte und Folgen der Diktatur in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR"? Als solcher wurde jedenfalls die Drucklegung dieses Buchs von der bundesunmittelbaren "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur", der Vertreter aller Bundestagsparteien angehören, gefördert.

          SABINE FRÖHLICH

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