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Rezension: Sachbuch : In guten und in bösen Tagen verpflichtet

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Die Sudetendeutschen im "Dritten Reich": Starke Ernüchterung folgte auf die Euphorie des Jahres 1938

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          Volker Zimmermann: Die Sudetendeutschen im NS-Staat. Politik und Stimmung der Bevölkerung im Reichsgau Sudetenland (1938-1945). Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission, Band 9. Zugleich Veröffentlichungen des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Band 16. Klartext Verlag, Essen 1999. 515 Seiten, 48,- Mark.

          Um es gleich vorwegzunehmen: Sich mit diesem Buch eingehend zu beschäftigen erfordert eine mühevolle, meist triste Lektüre. Dennoch bringt es wichtige Ergebnisse, die das bislang vorherrschende Schwarzweißbild sudetendeutscher Existenz unter dem Hakenkreuz in sachlicher Weise und gründlich belegt differenzieren. Es trifft sich gut, daß 1999 auch Ralf Gebel seine gründliche Studie über Konrad Henlein und den "Reichsgau Sudetenland" vorgelegt hat, so daß jetzt zwei wichtige Werke vorliegen, die sich unter verschiedenen Aspekten mit demselben Thema befassen.

          Ungeachtet mancher unvermeidbarer Überschneidungen bietet Zimmermann - grosso modo - den differenzierten "Unterbau" zum Thema, während sich Gebel mehr dem politischen "Überbau", das heißt den konkreten Regierungsmaßnahmen, gewidmet hat. Beiden Büchern darf man solide Quellennähe bescheinigen. Mit Recht weist Zimmermann darauf hin, daß nach der kurzen Euphorie der "Befreiung" der Sudetendeutschen im Jahr 1938, die zum Eintritt von mehr als 500 000 Personen in die NSDAP führte, relativ rasch eine starke Ernüchterung über die Realität des NS-Regimes eintrat.

          Der in den Polizeiberichten immer wieder konstatierte Unmut weiter Bevölkerungskreise führte aber keineswegs zu einem effektiven Widerstand, denn er speiste sich aus sehr verschiedenen Ursachen. Zum einen war es die hohe Zahl und ebenso die durch die Herrenmenschen-Ideologie verstärkte Arroganz der reichsdeutschen Beamten, die nun, unter teilweiser Ausschlachtung einheimischer Kräfte, an die Stelle der höheren tschechischen Bürokratie getreten waren. Dies ging so weit, daß Konrad Henlein in öffentlichen Reden auf dieses Problem beschwichtigend eingehen mußte, obwohl er selbst und seine Parteifreunde von dieser Invasion aus dem "Altreich" betroffen waren. Ebenso wurde die Auflösung traditionsreicher Vereine oder ihre Zwangsintegration in NS-Organisationen mißbilligt, da es sich oft um wichtige kulturelle Einrichtungen handelte. Unterschwellig spielte dabei wohl auch das anders geartete Kulturverständnis aus altösterreichischer Tradition eine Rolle, das die Sudetendeutschen bis 1918 nachhaltig geprägt hatte.

          Wichtiger noch war allerdings der soziale Aspekt der neuen Herrschaftsverhältnisse. Zwar kam es erwartungsgemäß aufgrund der Aufrüstung Deutschlands zu einem starken Rückgang der hohen Arbeitslosigkeit in den sudetendeutschen Gebieten, aber hohe Preise und vergleichsweise niedrige Löhne sowie schlechte Wohnverhältnisse führten zu einem merklichen Stimmungstief. Darauf mußte die Parteiführung in öffentlichen Reden ebenfalls reagieren. Mit Recht weist der Autor darauf hin, daß solche Mißstimmungen keineswegs zu einem wirklichen Widerstand führten. Konrad Henlein und die Partei suchten solchen negativen Meinungstrends mit dem propagandistischen Argument entgegenzuwirken, daß die Sudetendeutschen dem "Führer" "in guten und in bösen Tagen" verpflichtet seien; wobei Letzteres nur allzu rasch eintreten sollte.

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