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Rezension: Sachbuch : Immer schön grüßen

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Rainer Budde/Elke Seul : "Es hat mich niemand gefragt . . ." Erinnerungen an Krieg und Neubeginn. Aschendorff Verlag, Münster 2002. 192 Seiten, 15,50 [Euro].Ein Bild zeigt einen der Autoren in der Uniform eines Oberleutnants zur See auf dem Deck eines Schiffes, und die Bildunterschrift besagt, daß es die "Wilhelm Gustloff" war.

          Rainer Budde/Elke Seul : "Es hat mich niemand gefragt . . ." Erinnerungen an Krieg und Neubeginn. Aschendorff Verlag, Münster 2002. 192 Seiten, 15,50 [Euro].

          Ein Bild zeigt einen der Autoren in der Uniform eines Oberleutnants zur See auf dem Deck eines Schiffes, und die Bildunterschrift besagt, daß es die "Wilhelm Gustloff" war. Franz Große gehörte nicht zur Besatzung des Unglücksschiffes, dessen Untergang jetzt wieder ins Bewußtsein getreten ist, sondern zu den U-Booten. Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika war er kurz vor dem Auslaufen von "seinem" Boot auf das Nachbarboot beordert worden, das "eigene" Boot war dann vor Algier versenkt worden. Ähnlichen Zufällen verdanken die meisten der neun Zeitzeugen ihr Leben. Sieben von ihnen stammen aus dem westfälischen Raum, das merkt man den Berichten über die Zeit zwischen 1933 und 1945 an. Die Bindung an das katholische Elternhaus - und das ist keine nachträgliche Beschönigung - machte sie weitgehend resistent gegen die Verlockungen des Nazi-Regimes. Manches Bizarre ist in der Erinnerung haftengeblieben: die Wallfahrt zum "Heiligen Rock" in Trier 1933, bei der über Nacht SA-Leute den Ordnungsdienst ablösten; Studienräte, die in Parteiuniform Unterricht erteilten; der Religionslehrer, der zweideutig zum "deutschen Gruß" mahnte ("Immer schön den Führer grüßen, dann bringt ihr euch und mich nicht in Verlegenheit!"); ein Kompaniechef, der im Januar 1939 seinen Männern unerwartet dienstfrei gab - am achtzigsten Geburtstag des letzten deutschen Kaisers. Die Zeitzeugen berichten nüchtern und anschaulich. Ein achtzehnjähriger Soldat sieht ein Dorf in Pommern, das von der Roten Armee überrannt worden ist: "Tote, verstümmelte Männer, einer an ein Scheunentor genagelt; Frauen, denen man noch im Tod ansehen konnte, daß sie vielmals vergewaltigt worden waren, herumliegende Kinderleichen." Ein Neunjähriger erlebt im Januar 1945 die Flucht aus dem ostpreußischen Allenstein: "Mutter schob den Kinderwagen (mit dem zwei Monate alten Schwesterchen) durch den Schnee. Großmutter und ich zogen den Schlitten, der mit zwei oder drei Koffern bepackt war, mein siebenjähriger Bruder sollte den Schlitten schieben. Es war eisig kalt, minus 20 Grad Celsius." Das hat gelegentlich die Dichte Kempowskischer Collagen. Lothar Ester aus dem Siegerland erlag als Kriegsgefangener der Amerikaner und Franzosen weder dem Hunger noch einer Epidemie - wie Tausende andere; auf einem Gutshof in der Bretagne wurde er als Landarbeiter wie ein Sohn aufgenommen.

          THANKMAR VON MÜNCHHAUSEN

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