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Rezension: Sachbuch : Im toten Winkel

  • Aktualisiert am

Das Schicksal Raoul Wallenbergs bleibt auch nach der Öffnung der sowjetischen Archive geheimnisvoll

          Christoph Gann: Raoul Wallenberg. So viele Menschen retten wie möglich. C. H. Beck Verlag, München 1999. 274 Seiten, 18 Abbildungen, 44,- Mark.

          Lebt Raoul Wallenberg? Fällt der Name, so wird die Frage gestellt, eine von unzähligen im Fall Wallenberg. Das Ende des Kalten Kriegs, sollte man meinen, macht es nun endlich möglich, dem Schicksal des Schweden auf den Grund zu gehen. Am Ende seines spannenden Buches über Wallenberg, der im Januar 1945 spurlos in Moskau verschwand, nachdem er mehreren tausend Juden in Budapest das Leben gerettet hatte, bleibt aber auch Christoph Gann nichts anderes übrig, als die Fragen zu wiederholen. Warum wurde Wallenberg verhaftet? Was geschah in Moskau? Worüber wurde er verhört? Warum wurde er nicht freigelassen? In welchem Gefängnis, in welchem Lager wurde er festgehalten? Warum hat die Sowjetunion, warum hat Russland, warum hat aber auch Schweden nie richtig zur Aufklärung beigetragen? Stimmt es, wie aus Moskau 1957 berichtet wurde, dass Wallenberg am 17. Juli 1947 im Lubjanka-Gefängnis plötzlich starb? Oder wurde er, wie eine KGB-Untersuchung 1991 behauptete, erschossen?

          Weil keine dieser Fragen eine befriedigende Antwort fand, tauchte jüngst eine neue auf: Warum war Wallenberg eigentlich nach Budapest gefahren? Wollte er wirklich "nur" versuchen, "so viele Menschenleben zu retten, wie es möglich ist", wie er kurz vor seiner Abreise in Stockholm sagte? Ein amerikanisches und ein Hamburger Magazin warteten 1996 nach der Veröffentlichung von CIA-Dokumenten mit der Neuigkeit auf, dass Wallenbergs Budapester Mission nur ein Tarnmanöver gewesen sei. Er habe zwar als Legationsrat der schwedischen Botschaft tatsächlich Juden gerettet, aber eigentlich sei er ein amerikanischer Spion gewesen. Als Beleg dafür diente eine Personenliste des damaligen amerikanischen Finanzattachés in Stockholm, Olsen, der zugleich Mitarbeiter des CIA-Vorläufers OSS war und sich als Beauftragter des "War Refugee Boards" an der Auswahl Wallenbergs für die Aufgabe in Ungarn beteiligte. Bewiesen werden konnte damit nichts. Olsen hatte außerdem nie entscheidenden Einfluss auf Wallenbergs Werdegang, wie behauptet wurde. Eine dünne Geschichte, aber eine dicke Sensation.

          Gann kann im ersten Teil seines Buches, in dem er sich an die Fersen Wallenbergs in Budapest heftet, leicht zeigen, dass an der Enthüllung nichts war. Er verkneift sich die Bemerkung, dass die Spionage-Theorie in einer Serie erstaunlicher Versuche steht, den Verantwortlichen in Moskau ihre Aufgabe abzunehmen, das Verschwinden Wallenbergs zu erklären. Im zweiten Teil des Buches, das den Spuren des verschwundenen Wallenberg folgt, erfährt man dann, dass die Erfinder dieser Methode ausgerechnet in Stockholm sitzen. Es waren zuerst das Außenministerium Schwedens und der schwedische Botschafter in Moskau, die dem Kreml die Gründe dafür einflüsterten, warum Wallenberg das Opfer von Kriegswirren gewesen sein könne. Es dauerte Monate, bevor sich schwedische Diplomaten 1945 in Bewegung setzten, um herauszufinden, was mit dem Mann passiert war, den man ein Jahr zuvor als Attaché in die schwedische Gesandtschaft nach Budapest geschickt hatte. Ein Austausch Wallenbergs gegen sowjetische Spione oder finanzielle Leistungen wurde vom schwedischen Außenminister Undén noch 1946 mit den Worten abgelehnt, so etwas tue die Regierung in Stockholm nicht. Wer später eine Aufklärung des Schicksals Wallenbergs forderte, wurde als Unruhestifter in den schwedisch-sowjetischen Beziehungen kritisiert.

          Die neutralitätspolitische Leisetreterei der Schweden steht im scharfen Kontrast zum Enthusiasmus, mit dem Wallenberg in das von deutschen Truppen besetzte Ungarn aufbrach. Wallenbergs Wirken in Budapest ist legendär. Gann schenkt ihm breiten Raum und erzählt, wie es Wallenberg gelang, durch die Verteilung von Schutzpässen etwa 15 000 Juden das Leben zu retten. In wenigen Wochen hatte Wallenberg einen Stab aus 340 Angestellten und Hilfskräften aufgebaut, die sich um die Unterbringung und Versorgung der Juden in "Schutzhäusern" kümmerten. Wallenberg feilschte, bestach, täuschte und drohte, um seine Ziele zu erreichen. Er eilte Deportationszügen hinterher, verzögerte Abtransporte, fuhr in Arbeitslager, besuchte das Budapester Ghetto und stellte sich den "Pfeilkreuzlern" in den Weg, den ungarischen Handlangern der Nazis, um seine Schützlinge zu retten. Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee schreibt Wallenberg in seinem letzten Brief an die Mutter: "Die Lage ist aufregend und abenteuerlich, meine Arbeitsüberlastung fast unmenschlich. Banditen lungern in der Stadt herum, prügeln, foltern, und erschießen Leute . . . Im großen ganzen sind wir aber guter Laune und freuen uns des Kampfes."

          Warum opferte sich Wallenberg auf? War es der Wunsch nach Selbstbestätigung, war es Idealismus, Abenteuerlust? Gann lässt die Frage offen, erinnert nur an die Hilfsbereitschaft des Vaters, den Raoul nie kennen lernte, aber gleichwohl als Vorbild vor Augen gehabt haben soll. Zusätzlich sollte man erwähnen, dass Raoul Wallenberg seiner Familie in Stockholm offenbar zeigen wollte, was in ihm steckt. Bis dahin galt er bei den Wallenbergs als Außenseiter, als künstlerisch veranlagter Taugenichts. An der Entsendung des 32 Jahre alten Außenhandelsdirektors waren indes nicht nur die Amerikaner und ihr "War Refugee Board" beteiligt, nicht nur der Jüdische Weltkongress, die schwedische Regierung und das ungarische Exil, sondern es standen auch private geschäftliche Interessen dahinter. Wallenberg war in den vierziger Jahren in der Schweiz, in Vichy-Frankreich und auch schon in Budapest geschäftlich unterwegs. Er nutzte die Freiheiten, die sich die Wallenbergs wie kaum andere damals leisten konnten.

          Gann geht mehrmals auf die Verbindungen Raouls zur Familie Wallenberg ein. Sie war damals, und ist es heute noch, die einflussreiche Hüterin eines großkapitalistischen Industrie-Imperiums, das in alle Welt Geschäftsbeziehungen unterhielt. Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs Raoul unter der Obhut seines Großvaters auf, des Diplomaten Gustaf Oscar Wallenberg, Bruder des Bankiers André Oscar Wallenberg. Ein besonders enges Verhältnis soll Raoul Wallenberg nach dem Tod seines Großvaters zu seinem Onkel Jacob gehabt haben, der zusammen mit seinem Bruder Marcus das Imperium durch den Zweiten Weltkrieg steuerte, dabei intensive Beziehungen zu den Alliierten wie auch nach Deutschland unterhielt, nicht nur zum Hitler-Deutschland, sondern auch zum Widerstand der Stauffenbergs und Goerdelers.

          Dieses Beziehungsgeflecht kam Wallenberg, obwohl er nicht zum "innersten Zirkel" des Imperiums gehörte, bei seiner halsbrecherischen Aufgabe in der ungarischen Hauptstadt zugute. Es wurde ihm vielleicht auch zum Verhängnis. Auf die technischen Einzelheiten der Rettungsaktionen Wallenbergs, die unter anderem über die Enskilda Banken, die Hausbank der Familie in Stockholm, abgewickelt wurden, geht Gann nur am Rande ein. Sie führen aber zur Frage, wie das humanitäre Engagement Raoul Wallenbergs in die Geschäfte der Familie einzuordnen ist, welche Verwicklungen der Familie für Raoul von Bedeutung gewesen sein könnten, ohne dass er von ihnen wusste. Moskaus Argwohn wurde nicht nur aufgrund der geschäftlichen Nähe der Wallenbergs zum Deutschen Reich geweckt. Gann erwähnt außerdem die Rolle Jacob Wallenbergs bei Gesprächen des Widerstands in Berlin und Stockholm über einen Separatfrieden Deutschlands mit den westlichen Alliierten. Auch das dürfte in Moskau das Misstrauen gegen die "Kapitalistenfamilie" aus Schweden gesteigert haben. Erst einmal in den Fängen des NKWD, wird es für Wallenberg schließlich schwierig gewesen sein, die Notizen in seinem Taschenkalender über Verabredungen mit Eichmann, der Gestapo, SS-Offizieren oder Vertretern der ungarischen Marionettenregierung zu erklären.

          Dass sich Wallenberg in Budapest von Eichmann Morddrohungen anhören musste und sich mit Nazigrößen traf, um ihnen das Leben tausender Juden abzutrotzen, machte die Sache nicht besser. Das Verschwinden Wallenbergs und die Willkür Moskaus werden oft deshalb als so unglaublich dargestellt, weil Wallenberg schließlich gegen die deutsche Okkupation und für die verfolgten Juden eingetreten sei. Diese Perspektive zeugt von Naivität, wie sie manchmal Wallenberg vorgeworfen wird. In einem lange Zeit als geheim gestempelten Bericht des Außenministeriums in Stockholm hieß es noch in den achtziger Jahren, Stalin könne die Verhaftung Wallenbergs angeordnet haben, gerade weil sich der Schwede für die Juden eingesetzt hatte. Der Kreml wollte demnach Wallenberg als Werkzeug eigener antisemitischer Säuberungen festhalten und dann aus dem Wege räumen. Beweise für diese Theorie gibt es indessen genauso wenig wie für die Vermutung, Stalin habe Raoul als Faustpfand für eine Erpressung der Familie Wallenberg einsperren lassen. Der kommunistische Diktator hatte Marcus Wallenberg für dessen Vermittlung in den finnisch-sowjetischen Friedensverhandlungen gedankt und die Hoffnung geäußert, nach dem Krieg Geschäfte mit der Familie machen zu können. Zu den Rätseln, die mit dem Namen verbunden sind, gehört es, dass die Wallenbergs bis heute ihr Familienarchiv in der Angelegenheit geschlossen halten.

          So ist man auf Vermutungen, Augenzeugenberichte und lückenhafte Archivalien angewiesen, wenn es gilt, den Lebens- und Leidensweg Wallenbergs nach dem 17. Januar 1945, nach seinem Verschwinden aus Budapest, zu rekonstruieren. Vieles spricht dafür, dass die Darstellung aus Moskau über den Tod Wallenbergs, die der spätere Außenminister Gromyko 1957 überbrachte, falsch ist. Gann führt etliche Zeugen an, die Wallenberg noch nach dem angeblichen Todestag gesehen und gesprochen haben wollen. Auch die Art und Weise, wie jene Note zustande kam, lässt auf ihre Unglaubwürdigkeit schließen. Sie sei offenbar aus dem Bestreben entstanden, schreibt Gann, "einen Schlussstrich unter den Fall Wallenberg zu ziehen". Das Datum des angeblichen Todes im Juli 1947 habe sich deshalb angeboten, weil zu diesem Zeitpunkt im Kreml eine Entscheidung über Wallenberg angemahnt worden sei. Wie sie aussah und was wirklich geschah, weiß man bis heute nicht.

          JASPER VON ALTENBOCKUM

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