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Rezension: Sachbuch : Im toten Winkel

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Dieses Beziehungsgeflecht kam Wallenberg, obwohl er nicht zum "innersten Zirkel" des Imperiums gehörte, bei seiner halsbrecherischen Aufgabe in der ungarischen Hauptstadt zugute. Es wurde ihm vielleicht auch zum Verhängnis. Auf die technischen Einzelheiten der Rettungsaktionen Wallenbergs, die unter anderem über die Enskilda Banken, die Hausbank der Familie in Stockholm, abgewickelt wurden, geht Gann nur am Rande ein. Sie führen aber zur Frage, wie das humanitäre Engagement Raoul Wallenbergs in die Geschäfte der Familie einzuordnen ist, welche Verwicklungen der Familie für Raoul von Bedeutung gewesen sein könnten, ohne dass er von ihnen wusste. Moskaus Argwohn wurde nicht nur aufgrund der geschäftlichen Nähe der Wallenbergs zum Deutschen Reich geweckt. Gann erwähnt außerdem die Rolle Jacob Wallenbergs bei Gesprächen des Widerstands in Berlin und Stockholm über einen Separatfrieden Deutschlands mit den westlichen Alliierten. Auch das dürfte in Moskau das Misstrauen gegen die "Kapitalistenfamilie" aus Schweden gesteigert haben. Erst einmal in den Fängen des NKWD, wird es für Wallenberg schließlich schwierig gewesen sein, die Notizen in seinem Taschenkalender über Verabredungen mit Eichmann, der Gestapo, SS-Offizieren oder Vertretern der ungarischen Marionettenregierung zu erklären.

Dass sich Wallenberg in Budapest von Eichmann Morddrohungen anhören musste und sich mit Nazigrößen traf, um ihnen das Leben tausender Juden abzutrotzen, machte die Sache nicht besser. Das Verschwinden Wallenbergs und die Willkür Moskaus werden oft deshalb als so unglaublich dargestellt, weil Wallenberg schließlich gegen die deutsche Okkupation und für die verfolgten Juden eingetreten sei. Diese Perspektive zeugt von Naivität, wie sie manchmal Wallenberg vorgeworfen wird. In einem lange Zeit als geheim gestempelten Bericht des Außenministeriums in Stockholm hieß es noch in den achtziger Jahren, Stalin könne die Verhaftung Wallenbergs angeordnet haben, gerade weil sich der Schwede für die Juden eingesetzt hatte. Der Kreml wollte demnach Wallenberg als Werkzeug eigener antisemitischer Säuberungen festhalten und dann aus dem Wege räumen. Beweise für diese Theorie gibt es indessen genauso wenig wie für die Vermutung, Stalin habe Raoul als Faustpfand für eine Erpressung der Familie Wallenberg einsperren lassen. Der kommunistische Diktator hatte Marcus Wallenberg für dessen Vermittlung in den finnisch-sowjetischen Friedensverhandlungen gedankt und die Hoffnung geäußert, nach dem Krieg Geschäfte mit der Familie machen zu können. Zu den Rätseln, die mit dem Namen verbunden sind, gehört es, dass die Wallenbergs bis heute ihr Familienarchiv in der Angelegenheit geschlossen halten.

So ist man auf Vermutungen, Augenzeugenberichte und lückenhafte Archivalien angewiesen, wenn es gilt, den Lebens- und Leidensweg Wallenbergs nach dem 17. Januar 1945, nach seinem Verschwinden aus Budapest, zu rekonstruieren. Vieles spricht dafür, dass die Darstellung aus Moskau über den Tod Wallenbergs, die der spätere Außenminister Gromyko 1957 überbrachte, falsch ist. Gann führt etliche Zeugen an, die Wallenberg noch nach dem angeblichen Todestag gesehen und gesprochen haben wollen. Auch die Art und Weise, wie jene Note zustande kam, lässt auf ihre Unglaubwürdigkeit schließen. Sie sei offenbar aus dem Bestreben entstanden, schreibt Gann, "einen Schlussstrich unter den Fall Wallenberg zu ziehen". Das Datum des angeblichen Todes im Juli 1947 habe sich deshalb angeboten, weil zu diesem Zeitpunkt im Kreml eine Entscheidung über Wallenberg angemahnt worden sei. Wie sie aussah und was wirklich geschah, weiß man bis heute nicht.

JASPER VON ALTENBOCKUM

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