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Rezension: Sachbuch : Im toten Winkel

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Die neutralitätspolitische Leisetreterei der Schweden steht im scharfen Kontrast zum Enthusiasmus, mit dem Wallenberg in das von deutschen Truppen besetzte Ungarn aufbrach. Wallenbergs Wirken in Budapest ist legendär. Gann schenkt ihm breiten Raum und erzählt, wie es Wallenberg gelang, durch die Verteilung von Schutzpässen etwa 15 000 Juden das Leben zu retten. In wenigen Wochen hatte Wallenberg einen Stab aus 340 Angestellten und Hilfskräften aufgebaut, die sich um die Unterbringung und Versorgung der Juden in "Schutzhäusern" kümmerten. Wallenberg feilschte, bestach, täuschte und drohte, um seine Ziele zu erreichen. Er eilte Deportationszügen hinterher, verzögerte Abtransporte, fuhr in Arbeitslager, besuchte das Budapester Ghetto und stellte sich den "Pfeilkreuzlern" in den Weg, den ungarischen Handlangern der Nazis, um seine Schützlinge zu retten. Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee schreibt Wallenberg in seinem letzten Brief an die Mutter: "Die Lage ist aufregend und abenteuerlich, meine Arbeitsüberlastung fast unmenschlich. Banditen lungern in der Stadt herum, prügeln, foltern, und erschießen Leute . . . Im großen ganzen sind wir aber guter Laune und freuen uns des Kampfes."

Warum opferte sich Wallenberg auf? War es der Wunsch nach Selbstbestätigung, war es Idealismus, Abenteuerlust? Gann lässt die Frage offen, erinnert nur an die Hilfsbereitschaft des Vaters, den Raoul nie kennen lernte, aber gleichwohl als Vorbild vor Augen gehabt haben soll. Zusätzlich sollte man erwähnen, dass Raoul Wallenberg seiner Familie in Stockholm offenbar zeigen wollte, was in ihm steckt. Bis dahin galt er bei den Wallenbergs als Außenseiter, als künstlerisch veranlagter Taugenichts. An der Entsendung des 32 Jahre alten Außenhandelsdirektors waren indes nicht nur die Amerikaner und ihr "War Refugee Board" beteiligt, nicht nur der Jüdische Weltkongress, die schwedische Regierung und das ungarische Exil, sondern es standen auch private geschäftliche Interessen dahinter. Wallenberg war in den vierziger Jahren in der Schweiz, in Vichy-Frankreich und auch schon in Budapest geschäftlich unterwegs. Er nutzte die Freiheiten, die sich die Wallenbergs wie kaum andere damals leisten konnten.

Gann geht mehrmals auf die Verbindungen Raouls zur Familie Wallenberg ein. Sie war damals, und ist es heute noch, die einflussreiche Hüterin eines großkapitalistischen Industrie-Imperiums, das in alle Welt Geschäftsbeziehungen unterhielt. Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs Raoul unter der Obhut seines Großvaters auf, des Diplomaten Gustaf Oscar Wallenberg, Bruder des Bankiers André Oscar Wallenberg. Ein besonders enges Verhältnis soll Raoul Wallenberg nach dem Tod seines Großvaters zu seinem Onkel Jacob gehabt haben, der zusammen mit seinem Bruder Marcus das Imperium durch den Zweiten Weltkrieg steuerte, dabei intensive Beziehungen zu den Alliierten wie auch nach Deutschland unterhielt, nicht nur zum Hitler-Deutschland, sondern auch zum Widerstand der Stauffenbergs und Goerdelers.

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