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Rezension: Sachbuch : "Ich lernte Bauern besser verstehen"

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Gregor Gysi legt leidlich freche Frechheiten auf den Büchertisch

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          Gregor Gysi: Das war's. Noch lange nicht! Autobiographische Notizen.ECON Verlag, Düsseldorf 1995. 320 Seiten, 8 Seiten Abbildungen, 39,80 Mark.

          Gregor Gysi: Freche Sprüche. Herausgegeben von Jörg Köhler und Hanno Harnisch. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1995. 257 Seiten, 50 Abbildungen, 24,80 Mark.

          Gregor Gysi möchte sich jetzt auch all denen, die nicht so oft fernsehen, nahebringen. Er hat dazu die Buchform gewählt. Da Gysi nicht nur über eine Identität verfügt, kamen kürzlich zwei Gysi-Bücher heraus. Das eine, "autobiographische Notizen" untertitelt, ist etwas teurer und für den Westen gedacht. Es macht einen ernstgemeinten Eindruck. Das andere enthält gesammelte Worte für das Ostpublikum, es kostet nicht soviel und soll lustig sein. Auf den ersten Blick sieht es aber genau umgekehrt aus. Vom Deckel des Taschenbuches schaut Gregor Gysi etwas erstaunt, aber ernst und treuherzig ins Bild. Den in staatsmännischem schwarz-weiß-rot gehaltenen Einband des ernstgemeinten Buches ziert ein verhalten lächelnder Gregor Gysi. Aus einem etwas zu groß geratenen dunklen Abgeordnetenjackett blickt er ironisch in die Gegend. Seine linke Hand hebt sich beschwichtigend in Richtung des Betrachters, ganz Illustration des Titels: "Das war's. Noch lange nicht!"

          Autobiographisches von Endvierzigern bieten Verlage in der Regel nicht so gerne an, es sei denn, es handelt sich um Schauspielerinnen oder Fußballprofis, die wegen ihrer Beine schon in jungen Jahren viel herumkamen und ihren Fans unvergessene Momente geboten haben. Zwar war Gregor Gysi weder Fußballprofi noch kann er schöne Beine vorweisen, aber unvergessene Momente hat er auch zu bieten: "Mit Helmut Kohl hatte ich bisher kein Gespräch" und auch "kein einziges mit dem jeweiligen SPD-Vorsitzenden, und davon habe ich seit 1990 schon drei erlebt: Hans-Jochen Vogel, Björn Engholm, Rudolf Scharping". Mit dem vierten wird es wohl klappen.

          Unvergessen bleiben soll jedoch auch, mit welchem bedeutenden Menschen Gregor Gysi schon bedeutsame Gespräche führte: "Natürlich gab es im Laufe der Jahre auch Gespräche mit einigen führenden SPD-Politikern." Oder: "Gespräche hatte ich auch mit Graf Lambsdorff und Hans-Dietrich Genscher von der FDP." Sowie: "Gespräche führte ich auch mit Wolfgang Schäuble als Bundesinnenminister und als Fraktionsvorsitzender, mit Rudolf Seiters als Bundesinnenminister und mit Friedrich Bohl als Kanzleramtschef von der CDU."

          Unvergessen für Gregor Gysi auch, mit wem er beim Hungern sprach - im Dezember 1994 anläßlich des unvergeßlichen Protestfastens zugunsten der PDS-Kasse, "Künstlerinnen und Künstler kamen in die Volksbühne" - oder beim Essen - "Willy Brandt bin ich im Januar 1990 bei einem Essen, das der französische Premierminister gab, begegnet". Hungern fürs Volk auf der Bühne und Essen hinter Palastmauern mit den Großen dieser Welt: wie aufregend so ein PDS-Leben ist! Ganz besonders aufregend, erinnert sich Gysi, war der Moment, als die SED sich auf einem Parteitag zur PDS häutete und er für Krenz eingewechselt wurde: "Eine Unmenge Mikrofone und Kameras richteten sich auf mich."

          Natürlich gibt es bei Gregor Gysi wie bei jedem anständigen Autobiographen auch vergessene Momente. Damit ist es wie mit den Haaren, sind die erst mal ausgegangen, sieht der Kopf ganz anders aus. Die im Klappentext des Buches versprochene "lebendige deutsche Vergangenheitsbewältigung" erledigt Gysi konventionell kurz. 41 Jahre Gysi und 40 Jahre DDR, die haarige und vorrevolutionäre Zeit, werden im ersten Fünftel des Buches abgewickelt. Kindheit und Jugend verbrachte Gregor Gysi als in Watte gepackter Sproß einer Nomenklaturfamilie, kommunistischer Adel sozusagen, SED-Hofschranzen der mittleren Ebene. Mutter Funktionärin (Kultur), Vater Funktionär (Kultur, Kirche, Botschafter), Onkel Funktionär (Botschafter). Zur vorteilhaften Selbstbespiegelung werden hilfsweise auch einige bedeutende, aber sehr ferne westliche Verwandte herangezogen wie Yousif Dadou (südafrikanischer KP-Chef) und Doris Lessing ("Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, natürlich auch ins Deutsche"). Ein pfiffiges Kerlchen war Gregor schon als Kind, worüber er manch hübsche Episode vorzuweisen hat. Schon in zartem Alter brachten ihm seine schauspielerischen Fähigkeiten ein DEFA-Engagement ein.

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