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Rezension: Sachbuch : Hitlers und Adenauers General

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Georg Meyer: Adolf Heusinger. Dienst eines deutschen Soldaten 1915 bis 1964. E.S. Mittler & Sohn, Hamburg/Berlin/Bonn 2001. 972 Seiten, 49,90 Euro.In der deutschen Generalität gab es einige Wanderer zwischen den Welten der verbrecherischen Diktatur und des demokratischen Rechtsstaats. Nur ganz wenigen gelang es aber, sich hier wie dort im Zentrum der Macht zu positionieren.

          Georg Meyer: Adolf Heusinger. Dienst eines deutschen Soldaten 1915 bis 1964. E.S. Mittler & Sohn, Hamburg/Berlin/Bonn 2001. 972 Seiten, 49,90 Euro.

          In der deutschen Generalität gab es einige Wanderer zwischen den Welten der verbrecherischen Diktatur und des demokratischen Rechtsstaats. Nur ganz wenigen gelang es aber, sich hier wie dort im Zentrum der Macht zu positionieren. Der spektakulärste Fall war der Aufstieg Adolf Heusingers zum Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzenden des Nato-Militärausschusses. Derselbe General war zuvor als Chef der Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres (OKH) jahrelang einer der wichtigsten militärischen Berater Hitlers. Kein zweiter Bundeswehrgeneral hatte in der nationalsozialistischen Diktatur eine solch exponierte Stellung besetzt. General Hitlers und Adenauers, Erfüllungsgehilfe kriegerischen Größenwahns und Gründungsvater der Bundeswehr - eine deutsche Karriere, eine wahrhaft reizvolle Aufgabe für jeden Biographen!

          An diese Aufgabe hat sich der Militärhistoriker Meyer gewagt. Das Ergebnis ist ein Buch von imposantem Umfang und interessantem Inhalt, gleichzeitig aber von fragwürdiger Methode und Analyse. Es fällt dem Autor unverkennbar schwer, seine Sympathie, ja Verehrung für Heusinger den Geboten wissenschaftlicher Objektivität unterzuordnen. Bereits die Vorbemerkung, ein Fazit, das doch eigentlich am Ende dieser Biographie stehen müßte, irritiert durch mangelnde Distanz. Der Leser stutzt. Steht er vor einem papiernen Denkmal oder einer kritischen Biographie?

          Ein so durchgehend positives Bild läßt sich für die Tätigkeit Heusingers in der Bundesrepublik noch am ehesten nachvollziehen. Der General prägte seit 1950 für ein Jahrzehnt als Berater Adenauers und erster Generalinspekteur der Bundeswehr die Vorbereitung und Durchführung der westdeutschen Wiederbewaffnung. Meyer schildert eingehend die Bemühungen Heusingers, eine Armee aufzubauen, die sich nicht nur loyal, sondern aus Überzeugung in das demokratische System und westliche Verteidigungsbündnis einfügte. Nach seiner Bonner Zeit gelang es Heusinger bis zu seinem Abschied im Jahr 1964, dem Nato-Militärausschuß und der deutschen Mitsprache stärkeres Gewicht zu verleihen. Sein Credo, daß man dem Warschauer Pakt auch konventionell Paroli bieten müsse, gab einen wichtigen Anstoß zur neuen Militärstrategie der "Flexible response".

          Der außen- und sicherheitspolitische Aspekt, die Westbindung, lag Heusinger mehr am Herzen als die Demokratie, zumal es erneut gegen den sowjetischen Feind ging. Doch hatte er seine Lektion gelernt und wußte, daß nur eine Umsetzung der Schlagworte "Staatsbürger in Uniform", "Innere Führung" und "Primat der Politik" der Bundeswehr Vertrauen und Effizienz sichern konnte. Die verbreiteten Zweifel an einem echten Neuanfang richteten sich freilich auch gegen seine Person wie überhaupt gegen die starke Präsenz alter Wehrmachtsoffiziere an der Wiege der Bundeswehr. Auch wenn sich die meisten dieser Ängste als unbegründet erwiesen, hätte es Heusingers Biographen gut gestanden, diese Kritik differenzierter zu beurteilen. Das interessante Problem funktionaler Elitekontinuitäten mit der Behauptung abzutun, Heusinger habe erst in der Bundesrepublik zu einem Dienst "frei von inneren Vorbehalten" gefunden, ist zu einfach.

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