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Rezension: Sachbuch : Hier lacht die Zone

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Die "Tarantel" und der Witz des Kalten Krieges

          Walter Schulz-Heidorf: Preis unbezahlbar - die "Tarantel". Heiße Lektüre im Kalten Krieg. Anita Tykve Verlag, Berlin 1997. 295 Seiten, 36,- Mark.

          Die Tarantel war eine satirische Monatsschrift, in West-Berlin hergestellt und zur Verbreitung in der DDR bestimmt. Sie erschien seit 1950 und wurde an Besucher aus dem Osten verteilt, über die Ostbüros von Parteien, Gewerkschaften und Verbänden vertrieben oder einfach per Post verschickt. 1962 wurde die Zeitschrift eingestellt. Der Mauerbau hatte nicht nur die Vertriebswege versperrt, sondern auch der Hoffnung der Herausgeber auf einen baldigen Umsturz in der DDR ein Ende gesetzt.

          "Heiße Lektüre im Kalten Krieg" nennt Walter Schulz-Heidorf die Tarantel in seiner Geschichte des Blattes. Sein Buch ist trotz dieses verheißungsvollen Titels selbst keine heiße Lektüre. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Tarantel liefert Fakten, Fakten, Fakten, ohne dabei an den Leser zu denken. Ihm überläßt er es, aus dem Strom der Erinnerungen an Mitarbeiter und Widersacher, an Arzttermine, Wanderungen, Hund und Moped des Herausgebers die wichtigen Informationen herauszufiltern.

          Ins Leben gerufen wurde die Tarantel von Heinrich Bär, mit bürgerlichem Namen Heinz Wenzel. Wenzel war seit der Rückkehr aus Sachsenhausen, wo er nach dem Krieg viereinhalb Jahre ohne Gerichtsurteil inhaftiert gewesen war, ein überzeugter Gegner des Stalinismus. Der Humor der Tarantel war einfach, um nicht zu sagen primitiv. Ihre Waffe war nicht die Aufklärung, sie wollte das Regime in Ost-Berlin lächerlich machen. Damit erreichte sie eine breite Leserschaft, die die Gefahr in Kauf nahm, mit einem Exemplar der westlichen Kampfschrift erwischt zu werden. So zählte die Redaktion in West-Berlin 18 000 Einsendungen, nachdem sie zwei Jahre vor Stalins Tod einen Ideenwettbewerb um das beste Stalin-Mausoleum ausgeschrieben hatte.

          Ende der Fünfziger erschien die Tarantel in einer Auflage von mehr als 200 000 Exemplaren, mehr als 100 000 gelangten in die DDR. Davon wurden nach den Angaben der DDR-Staatssicherheit monatlich zwischen zwanzig und hundert Exemplare bei staatlichen Stellen abgeliefert. Zu deren Ärger gingen manche der abgelieferten Hefte auf dem Dienstweg wieder verschollen oder wiesen am Ziel deutliche Lesespuren auf.

          Schon vor der Einstellung der Tarantel besaß der Heinrich Bär-Verlag ein zweites Standbein: die Nachrichtenagentur Tarantelpress. Sie richtete sich hauptsächlich an Medien in der Dritten Welt und versorgte sie mit antikommunistischen Karikaturen und Berichten. In Deutschland blieb sie unbekannt, wie Schulz-Heidorf verbittert schreibt. Einmal nur wurde sie auf unrühmliche Weise berühmt: 1967 druckten drei Springer-Zeitungen einen von Tarantelpress verbreiteten Brief ab, den der Schriftsteller Arnold Zweig angeblich aus Ost-Berlin an Freunde in Israel geschickt hatte. Die Meldung wurde von Zweig sofort dementiert und war so offensichtlich falsch, daß ihr Abdruck die Springer-Presse unter heftigen Beschuß brachte. Im Jahr darauf ging Tarantelpress sang- und klanglos unter.

          Schulz-Heidorf vermutet, der Skandal sei von Israel in Szene gesetzt worden, um "antizionistische" Juden im Ostblock bloßzustellen. Er stützt sich darauf, daß die amerikanischen Geldgeber des Bär-Verlages eine Untersuchung, wer dem israelischen Verbindungsmann von Tarantelpress die Fälschung zugespielt hatte, verhinderten. Sie hätten damit einen Konflikt mit Israel vermeiden wollen.

          Genaueres darüber, wer denn nun die Geldgeber der Tarantel und ihrer Agentur waren, schreibt Schulz-Heidorf allerdings nicht. Man muß ihm abnehmen, daß er darin nicht eingeweiht war. So bleibt ein wesentlicher Teil der Geschichte des Verlages im dunkeln. Die offensichtlichen Herstellungskosten einer Monatszeitschrift, die im Vierfarbendruck in hoher Auflage erschien, hatten immer zu Mutmaßungen über die Hintermänner des Blattes geführt. Auch in Zukunft ist kein Aufschluß darüber zu erwarten, wer im Westen den Brüdern und Schwestern aus der Zone das Lachen spendierte, denn bei der Auflösung des Verlages sind alle Unterlagen vernichtet worden, um sie dem Zugriff der DDR-Staatssicherheit zu entziehen.

          Dafür konnte Schulz-Heidorf seinerseits die Akten der Stasi einsehen, die mehrere Spitzel auf den Bär-Verlag (und sicherheitshalber auch aufeinander) angesetzt hatte. Wie so oft beeindruckt nicht nur der Aufwand der MfS-Arbeit, sondern auch die Unzuverlässigkeit der gesammelten Informationen. Aus einer Quelle hätte der Verfasser allerdings reichlicher schöpfen sollen: aus den Ausgaben der Tarantel selbst. Der böse Witz des Kalten Krieges ist mit all seinen Gemeinplätzen vierzig Jahre später kein Allgemeingut mehr. Es hätte dem Buch gutgetan, hätte man ihm einige Texte aus der Tarantel für den Leser von heute beigefügt.

          CHRISTIAN ESCH

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