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Rezension: Sachbuch : Herrschaft und Wirtschaft

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Eine umfassende Darstellung des sowjetischen GULag

          Ralf Stettner: "Archipel GULag": Stalins Zwangslager - Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant. Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928-1956. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1996, 448 Seiten, 68,- Mark.

          Das Gebiet des GULag war ein riesiges Imperium von Zwangsarbeitslagern, das während der Herrschaft Stalins in der Sowjetunion geschaffen wurde. Spätestens seit Alexander Solschenizyns großem Werk "Archipel GULag" ist der Begriff, eigentlich die sowjetische Abkürzung für "Hauptverwaltung der Lager", auch im Westen geläufig. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist die historische Erforschung des GULag erst seit weniger als einem Jahrzehnt möglich. Mit der Studie des Bonner Historikers Ralf Stettner liegt nun die erste deutschsprachige Darstellung zum Lagersystem in der stalinistischen Sowjetunion vor. Stettner untersucht die Anfänge, die Ausweitung und die Auflösung des GULag, aber auch das Lagerregime und das Leben und Sterben in den Lagern, und er fragt nach deren Funktion im sowjetischen Herrschaftssystem der Jahre 1928 bis 1956.

          Konzentrationslager und sogenannte "Lager zur besonderen Verwendung" wurden schon kurz nach der Oktoberrevolution errichtet, um politische Gegner zu isolieren oder zu vernichten; daneben existierten "Besserungsarbeitseinrichtungen" für Kriminelle. Der GULag entstand aber erst mit Stalins "großem Durchbruch" ab 1928, mit der Vernichtung des Bauerntums und der forcierten Industrialisierung im Zuge des ersten Fünfjahrplans. Immer mehr Häftlinge kamen nun in die Lager, die immer öfter unmittelbar dem Geheimdienst OGPU unterstellt wurden. Innerhalb der OGPU wurde im April 1930 die erste "Hauptverwaltung für Lager" geschaffen, die sich bis 1934 zu einem gewaltigen, von Moskau zentral geleiteten Verwaltungsapparat entwickelte. Ihr waren zahlreiche Branchenabteilungen, etwa für Holzwirtschaft, Bergbau, Großbaustellen oder Landwirtschaft, angegliedert. Der Geheimdienst - ab 1934 NKWD - wurde so zu einem der größten Wirtschaftsunternehmen des Landes, der über ein strategisch einsetzbares Heer an Zwangsarbeitern verfügte.

          Die Arbeitssklaven des GULag gruben den Weißmeer-Ostsee-Kanal, verlegten die Schwellen der Baikal-Amur-Magistrale, wuschen Gold in Magadan, fällten Holz in Norilsk und bauten Hochöfen in Magnitogorsk. Der GULag wuchs von Karelien über den Fernen Osten und Sibirien bis nach Kasachstan, in der Nachkriegszeit erstreckte er sich schließlich über die gesamte Sowjetunion.

          Die Häftlinge kamen in Wellen: Zehntausende "dekulakisierte" Bauern, Hunderttausende Arbeiter, die wegen Verletzung der Disziplin am Arbeitsplatz verurteilt worden waren, Hunderttausende Opfer des Großen Terrors der Jahre 1936 bis 1938, ab 1939 die Scharen der Polen, Balten, Finnen und Rumänen, dann die Rußlanddeutschen, zu jeder Zeit auch Kriminelle. Letztere stellten die größte Gruppe dar, unterteilt in die Lageraristokratie der Berufs- und Schwerverbrecher, eine Kaste mit rigidem Kodex, und die einfachen Kriminellen. Die zweite große und beständig wachsende Gruppe innerhalb der Lagerbevölkerung waren die "Konterrevolutionäre", nach dem berüchtigten Paragraphen auch "58er" genannt, die am unteren Ende der Hierarchie standen.

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