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Rezension: Sachbuch : Herr Wessi trifft Frau Ossi . . .

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Olaf Georg Klein: Ihr könnt uns einfach nicht verstehen! Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001. 180 Seiten, 14,90 Euro.Folgende Geschichte könnte millionenfach passieren und ist vermutlich tatsächlich schon oft passiert. Ein Mann aus den alten Bundesländern verliebt sich in eine Frau aus den neuen Ländern.

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          Olaf Georg Klein: Ihr könnt uns einfach nicht verstehen! Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001. 180 Seiten, 14,90 Euro.

          Folgende Geschichte könnte millionenfach passieren und ist vermutlich tatsächlich schon oft passiert. Ein Mann aus den alten Bundesländern verliebt sich in eine Frau aus den neuen Ländern. Der Einfachheit halber nennen wir sie den Westmann und die Ostfrau. Der Westmann trifft sich mit der Ostfrau. Er beginnt, ihr von seiner Arbeit zu erzählen, seinen Erfolgen, seinem Einkommen. Die Ostfrau sieht ihn zuerst amüsiert an, dann skeptisch. Der Westmann glaubt, sie würde ihm nicht glauben. Also erzählt er noch mehr von seinen Erfolgen und seinem Geld, um sie von sich zu überzeugen. Irgendwann aber steht die Ostfrau auf und sagt, er solle sich eine andere suchen, sie sei nicht käuflich.

          Es bleiben die üblichen Vorurteile. Die Ostdeutschen sagen, die Westdeutschen seien allesamt Aufschneider und arrogant. Die Westdeutschen sagen, die Ostdeutschen seien ein bißchen dumm. Warum ist noch niemandem aufgefallen, daß Verwirrung und Mißverständnisse nicht durch das entstehen, was gesagt wird, sondern durch das, was nicht gesagt wird? Denn beim Sprechen setzt man vieles voraus, von dem man meint, der Gesprächspartner wisse das sowieso. Kommunikationsforscher nennen das den Kontext des Gesprochenen oder die Kommunikationskultur. Wenn wir das bedenken, erscheint das schwierige Verhältnis zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen nicht mehr ganz so schwierig. Beide sprechen zwar deutsch, aber sie haben eine unterschiedliche Kommunikationskultur.

          Dem Ost-Berliner Autor Olaf Georg Klein ist das aufgegangen, als er in Amerika die Verständigungsprobleme zwischen Amerikanern und Engländern kennenlernte. Über die deutsch-deutschen Mißverständnisse hat er ein kleines Buch geschrieben, bei dessen Lektüre es dem Leser, wie man so sagt, wie Schuppen von den Augen fällt. Daß man sich im Osten die Hand gibt, im Westen nicht, ist schon allgemein bekannt. Daß small talk mit einem Ostdeutschen anstrengend ist, weil dieser nie etwas sagt - auch das hat mancher Westdeutsche schon leidvoll erfahren. Aber auch andere Verhaltensweisen finden auf diese Weise eine Erklärung.

          Ostdeutsche wollen den Konsens, Westdeutsche vertreten im Streit hart ihre Meinung. Ostdeutsche meinen nein, wenn sie gar nichts sagen. Westdeutschen macht es nichts aus, heute diese und morgen jene Meinung zu vertreten. Westdeutsche empfinden es als unangenehm, daß Ostdeutsche ihnen so lange in die Augen schauen und körperlich nah kommen. Ostdeutsche empfinden Westdeutsche als kalt und abweisend. Westdeutsche trennen klar ihre Arbeitswelt von der privaten. Bei Ostdeutschen mischen sich diese Welten. Mehrheitsentscheidungen empfinden Ostdeutsche nicht als bindend, weil es keinen Konsens gab. Westdeutsche tragen Machtkämpfe aus, die per Mehrheitsentscheidung oftmals entschieden werden.

          Freundschaften werden im Osten anders gepflegt als im Westen. Selbst die Zeit scheint im Osten anders zu vergehen als im Westen. Sogar das Sexualleben ist ein anderes. Klein deutet nur hin und wieder an, woher die unterschiedlichen Kommunikationskulturen kommen. Anders würde es auch nicht gehen, denn er müßte dann ein deutlich dickeres Buch schreiben, ein Buch jeweils über die Geschichte der Bundesrepublik und der DDR. Klein stellt nur fest, wo es zum Mißverständnis, wo es zu einem, wie er es nennt, Kommunikationsschock kommen kann. Der Kommunikationsschock ist keineswegs ein deutsches Phänomen. Er ist Teil des Kulturschocks, wenn zwei Kulturen aufeinanderprallen.

          Klein zitiert die Geschichte von den amerikanischen Soldaten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, unter denen das Wort umging, englische Fräuleins seien leicht zu haben. Das war keineswegs so, mußte aber den Amerikanern so erscheinen. Die Amerikaner dachten sich wenig dabei, die Mädchen schon bald nach dem Kennenlernen zu küssen. Der Kuß war für sie nett, aber noch ohne Bedeutung. Anders bei den Engländerinnen. Küssen war für sie fast wie Beischlaf. Wurden sie geküßt, blieb aus ihrer Sicht nur die Wahl, den Soldaten mit nach Hause zu nehmen oder das Weite zu suchen. Die amerikanischen Soldaten wiederum waren verblüfft, wie schnell sie in den Betten der Engländerinnen landeten oder wie unsanft sie abserviert wurden, just wenn es gerade schön zu werden versprach.

          Wenn man sich dieser unterschiedlichen Kommunikationskulturen bewußt wird, was heißt das nun für die verhinderte Beziehung zwischen Westmann und Ostfrau? Er wollte ihr zeigen, wie seriös er ist und wie sehr er um sie wirbt. Sie jedoch bedarf solcher wirtschaftlichen Daten nicht, sie ist es gewohnt, wirtschaftlich selbständig zu sein. Oft ist sie berufstätig. Sie hätte von ihm lieber etwas Nettes über ihr Aussehen gehört, ihre Kleidung, ihren Gang oder ihre Art zu tanzen. Eine Westfrau wiederum hätte genau dies als Machogehabe abgelehnt. Ist man am Ende des Buches von Klein angelangt, glaubt man zu wissen, daß Ost und West einander nicht verstehen können. Es sei denn, Kollegen aus dem Westen und aus dem Osten haben die Anfangsschwierigkeiten überwunden und lernen sich nach und nach schätzen. Oder west-östliche Pärchen haben sich von den ersten Mißverständnissen nicht schrecken lassen, und die Partner finden sich fortan gegenseitig interessant, stark und liebenswert. Klein selbst endet mit zwei tröstenden Sätzen: "In Deutschland haben wir die außerordentliche Situation, in einem Land mit einer Sprache und zwei unterschiedlichen Kommunikationskulturen zu leben. Als ein zweisprachiger Wanderer zwischen den Welten finde ich das wunderbar."

          FRANK PERGANDE

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