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Rezension: Sachbuch : Hannah Arendt in Kiautschou

  • Aktualisiert am

Kolonialherrschaft und Totalitarismustheorie

          Klaus Mühlhahn: Herrschaft und Widerstand in der "Musterkolonie" Kiautschou. Interaktionen zwischen China und Deutschland, 1897-1914. Studien zur Internationalen Geschichte, Band 8. R. Oldenbourg Verlag, 2000. 474 Seiten, 148,- Mark.

          Fast wäre Kiautschou in der nordchinesischen Provinz Shandong am 14. November 1897 nicht durch deutsche Marinetruppen besetzt worden! Denn der Art und Weise, wie Kaiser Wilhelm II. und das Oberkommando der Marine die Aktion vorantrieben, widersetzten sich der Staatssekretär des Reichsmarineamts, Alfred von Tirpitz, und der Reichskanzler, Fürst von Hohenlohe-Schillingsfürst. Der Befehl, die Besetzung vorerst nicht durchzuführen, erreichte das Geschwader in Ostasien aber nicht mehr.

          Bei seiner Interpretation der deutschen Herrschaft im Pachtgebiet Kiautschou lehnt sich Mühlhahn an die Totalitarismustheorie Hannah Arendts an. Demnach benutzte das Deutsche Reich in Kiautschou neben der militärischen Drohung ("koloniale Massaker") vor allem zwei Mittel: die Einführung eines Rassebegriffs und die Bürokratie. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, betrachteten die meisten Deutschen die Chinesen als "mindere Rasse", die zivilisiert werden müsse. Dies geschah in der Kolonie durch Segregation: In Kiautschou entstand eine moderne Stadt, in der es neben einem Europäerviertel, in dem kein Chinese wohnen durfte, mehrere Stadtteile für die einheimische Bevölkerung gab, mit speziellen Hygienevorschriften und Ausgangssperren. Ein zweigeteiltes Recht trennte Europäer und Chinesen im Pachtgebiet.

          Nach Auffassung von Mühlhahn ging es dem Reichsmarineamt, dem Kiautschou unterstellt war, weniger um ökonomische Ausbeutung der Kolonie und des deutschen Interessengebiets in der Provinz Shandong. Vielmehr sollten neue Herrschaftstechniken entwickelt werden, die um die Rassentrennung kreisten. Mühlhahn sieht darin in letzter Konsequenz ein Vorspiel des Rassismus im "Dritten Reich", verbirgt allerdings seine Interpretation in einer Anmerkung. Diese Sicht steht zumindest im Widerspruch zur Auffassung des zuständigen Staatssekretärs Tirpitz, der die ökonomische Entwicklung der Kolonie sogar stärker fördern wollte als die militärische.

          Während die chinesische Zentralregierung nach längeren Verhandlungen am 3. Mai 1898 das Gebiet um Kiautschou für 99 Jahre an das Deutsche Reich verpachtete, neigten die höheren Beamten der Provinz Shandong zum Widerstand. Bis 1899 förderten die Provinzgouverneure sogar die - sich gegen die Missionierung in China formierende - Boxerbewegung, um sie gegen die deutschen Besatzer einzusetzen. Jedoch ab 1899 übernahmen neue Gouverneure das Amt, die auf Koexistenz mit den anwesenden Deutschen setzten und durch Modernisierung der chinesischen Wirtschaft und Verwaltung in Shandong den deutschen Einfluß zu verdrängen suchten. Dies gelang ihnen weitgehend. Wirtschaftlich brachten das Pachtgebiet und die Privilegien in der Provinz Shandong (Eisenbahnbau und Ausbeutung der Bodenschätze, vornehmlich Steinkohle) dem Deutschen Reich nur Verluste. Dies lag unter anderem an der verfehlten deutschen Investitionspolitik. Die Marine setzte auf die Großindustrie, die sich für Kiautschou aber nicht interessierte, und benachteiligte bewußt mittlere Unternehmer, die als Abenteurer galten. Staatsbetriebe wurden gegründet, die kleinere Firmen in den Ruin trieben. Eine direkte, wenn auch zögerliche Kooperation gab es zwischen Chinesen und Deutschen bei der Gründung einer Hochschule, da beide Staaten davon Vorteile erwarteten.

          Bisher sind die Interaktionen zwischen Kolonialherren und Kolonisierten wenig untersucht worden. Hier liegt das Verdienst des Autors, der deutsche und chinesische Quellen auswertete. Allerdings überzeichnet er einige Aspekte und verwickelt sich hin und wieder in Widersprüche. Unklar ist beispielsweise, was die Missionierung Südshandongs durch deutsche Steyler Missionare mit der deutschen Herrschaft in der "Musterkolonie" zu tun hatte. Mühlhahn erläutert so die prekäre Situation Ende der neunziger Jahre zwischen Christen und Nichtchristen in Südshandong und arbeitet heraus, daß es neben religiösen Gründen auch materielle Ursachen für den Boxeraufstand gab. Er beschreibt außerdem die Voraussetzungen für das deutsche Eingreifen in China, da die Ermordung zweier Missionare als Vorwand für die - schon seit längerem geplante - Besetzung des Gebiets um Kiautschou diente. Kurze Zeit später lehnten jedoch sowohl die Missionare, die zunächst vom deutschen Schutz profitiert hatten, als auch die Verantwortlichen in Deutschland eine weitere Kooperation ab; sie sei hinderlich für die jeweiligen eigenen Interessen. Darüber hinaus beschränkt sich Mühlhahn auf die Entwicklung der Mission in Shandong bis zirka 1900, während die Kolonialherrschaft bis 1914 dauerte.

          FRANZ-JOSEF KOS

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