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Rezension: Sachbuch : Gibt es ein "Recht zum Sterben"?

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Behandlungsabbruch und Patientenverfügungen / Eine aktuelle medizinische, rechtliche, moralische Debatte

          Jahrbuch für Recht und Ethik/Annual Review of Law and Ethics, Band 4. Themenschwerpunkt Bioethik und Medizinrecht. Herausgegeben von B. Sharon Byrd, Joachim Hruschka, Jan C. Joerden. Duncker & Humblot, Berlin 1996. X, 650 Seiten, 198,- Mark.

          Höchst emotional wird derzeit in der Öffentlichkeit die Frage des Abbruches oder des Vorenthaltens lebensverlängernder medizinischer Maßnahmen bei Todkranken, insbesondere im sogenannten Wachkoma, diskutiert. Dabei sind die Gefühle nicht nur von Person zu Person unterschiedlich, sondern auch für den einzelnen oft ambivalent. Einerseits soll alles, was möglich ist, zur Erhaltung des Lebens getan werden, andererseits wird aber sinnlose und leidensverlängernde Lebenserhaltung um jeden Preis verabscheut und abgelehnt. Daß die Medizin ganz von selbst auch beim nicht mehr entscheidungsfähigen Patienten schon "das Richtige" tun werde, darauf vertraut heute kaum noch jemand. Und darüber, was "das Richtige" denn überhaupt sein soll, gehen die Meinungen noch einmal weit auseinander. Schließlich verlangen dann noch die Unsicherheiten der Prognose die Bewertung von Chancen und Risiken, also die Umsetzung von Wahrscheinlichkeiten in Wertungen: Wie soll etwa bei einer zu 20 Prozent wahrscheinlichen Pflegebedürftigkeit als dritter prognostischer Möglichkeit zwischen Heilung und Tod gehandelt werden?

          Da geht es in der Tat um höchstpersönliche Angelegenheiten, die niemand anderen zur Entscheidung überlassen möchte, besonders nicht im Falle eigener Entscheidungsunfähigkeit. Also versucht man, seine Entscheidung selbst im voraus zu fällen und die später behandelnden Ärzte daran zu binden; man trifft Vorausverfügungen. Nichts scheint zunächst einfacher zu sein, als sich dazu an das Modell des Testamentes zu halten, mit dem man über Eigentum nach seinem Tode verfügt. Doch soll ja nicht über Eigentum, sondern über Leben und Tod und nicht für den Fall des Todes, sondern für den Fall einer höchst kritischen Situation zu Lebzeiten verfügt werden. Darum ist es auch richtiger, von einer Patientenverfügung (im Englischen "living will") zu sprechen und nicht irreführend von einem Patiententestament, irreführend deswegen, weil unter diesem Wort ein hoher Grad von rechtlicher Verbindlichkeit verstanden wird, der für eine Patientenverfügung zumindest umstritten ist. In welche Unsicherheiten man nämlich nicht nur bei der Abfassung solcher Verfügungen und bei ihrer Ausführung, sondern auch bei dem Versuch gerät, sie rechtlich verbindlich zu machen, das wird umfassend in acht Beiträgen aus philosophisch-ethischer, rechtlicher und ärztlicher Sicht im vierten Band vom "Jahrbuch für Recht und Ethik" dargestellt.

          Auch den Fachmann fasziniert die gründliche und kritische Analyse dieser Schwierigkeiten durch den Mediziner Johannes Gobertus Meran (Hannover). Im philosophischen Teil seines Beitrages geht er den konzeptuellen Voraussetzungen für Vorausverfügungen nach, unter anderem der Frage, ob und wieweit der Verfügende überhaupt noch mit sich selbst identisch sei, wenn er über sein Wohl und Wehe in späteren Situationen Verfügungen treffe, wie weit sein Selbstbestimmungsrecht also reichen könne. Die Frage muß in der Tat ernsthaft gestellt werden, wenn man wie Parfit nur empirisch-psychologische Kriterien als konstituierend für die Person und ihre Kontinuität in der Zeit gelten lassen will (ähnlich auch etwa Tooley und Peter Singer). Bereits an dieser Stelle wird deutlich, wie sehr die Problematik von Vorausverfügungen mit einem reduktionistischen Menschenbild verknüpft ist. Bei diesem nämlich resultiert aus solch rein empirisch-psychologischem Personenbegriff schließlich, daß der nicht mehr entscheidungsfähige Patient zu einer anderen Person wird oder seine Personeigenschaft gar gänzlich verliert, sei er ein noch quasi lebender oder sei er ein als tot angesehener.

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