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Rezension: Sachbuch : Gib acht auf den Lebensweg . . .

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Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949-2002. Herausgegeben von Rudolf Vierhaus und Ludolf Herbst unter Mitarbeit von Bruno Jahr. Band 1: A-M. Band 2: N-Z. K. G. Saur Verlag, München 2002. XIII und 1177 Seiten, zusammen 428,- Euro.Dreiundfünfzig Jahre ist der Bundestag alt, aber in ihm ballen sich 127 Jahre unmittelbare Lebenserfahrung.

          Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949-2002. Herausgegeben von Rudolf Vierhaus und Ludolf Herbst unter Mitarbeit von Bruno Jahr. Band 1: A-M. Band 2: N-Z. K. G. Saur Verlag, München 2002. XIII und 1177 Seiten, zusammen 428,- Euro.

          Dreiundfünfzig Jahre ist der Bundestag alt, aber in ihm ballen sich 127 Jahre unmittelbare Lebenserfahrung. Wieso? Weil Paul Löbe, ältestes Mitglied des ersten Deutschen Bundestages und dessen Alterspräsident bei der Konstituierung am 7. September 1949, bereits im Jahre 1875 geboren war und somit Selbsterlebtes aus einer schon damals längst vergangenen Zeit, die heute Bismarck-Zeit heißt, in die zwei Weltkriege später zusammengetretene Volksvertretung einbrachte. Es mindert die historische Mitgift des Neuabgeordneten Löbe von einem dreiviertel Jahrhundert nicht, daß Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, nur ein Jahr später geboren worden war.

          Sich heute Löbes Lebenslauf und Erfahrungsschatz als einen Stein im imaginären Gebäude namens Bundestag vorzustellen führt in eine Welt, die nicht nur den Erstwählern der Parlamentswahl 2002 fremd sein dürfte. Der Sohn eines Schreiners aus Liegnitz, der als Buchdrucker von Arbeitgeber zu Arbeitgeber zog und dabei durch Mittel- und Süddeutschland, durch Österreich-Ungarn, Italien und die Schweiz wanderte, stieg im Jahre 1900 zum Chefredakteur der sozialdemokratischen Zeitung "Volkswacht" in Breslau auf. Wiederholt wurde er zu Gefängnisstrafen verurteilt, unter anderem zu einem Jahr Einzelhaft, weil er zu einer Demonstration gegen das Dreiklassenwahlrecht aufgerufen hatte.

          Carsten Schneider, Sohn einer Wäschereibesitzerin aus Erfurt, Bankkaufmann und mit dem Geburtsjahr 1976 jüngster Abgeordneter der zu Ende gehenden 14. Wahlperiode des Bundestages und damit das zuletzt geborene aller bisheriger Bundestagsmitglieder, führt in den Sitzungswochen ständig den Namen Paul Löbes im Munde: Er hat sein Büro in dem nach diesem benannten größten Bundestagsneubau in Berlin, im "Paul-Löbe-Haus". Mit der Namensgebung erinnert das deutsche Parlament an einen seiner Großen, an den Reichstagspräsidenten der Weimarer Republik und sozialdemokratischen Widerständler gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Vom Dreiklassenwahlrecht hat sein politischer Nachfahre Schneider nur gelesen. So manches, was für Löbe nur ein Ziel war, gehört heute zum Rechtsgut und zum politischen Besitzstand der Bundesrepublik.

          Von den 402 Abgeordneten der ersten Wahlperiode sind der Bevölkerung vielleicht ein halbes Dutzend in Erinnerung, angefangen mit Konrad Adenauer und Kurt Schumacher. Dennoch wird bis heute der Mythos gepflegt, in den früheren Wahlperioden hätten unvergleichlich größere Persönlichkeiten die Parlamentsbänke bevölkert als heute. Wie das freilich mit der traditionellen Pauschalierung des allergrößten Teils der Abgeordneten als "Hinterbänkler" zu vereinbaren ist, bleibt für Politologen ein Rätsel - die weniger am Parlamentarismus interessierten Kreise empfinden einen solchen Widerspruch erst gar nicht. Das funkelnagelneue "Biographische Handbuch" straft zumindest die Hinterbänklerverächter Lügen. Die Lebensläufe der Volksvertreter lesen sich stichprobenweise interessanter als so mancher Lebenslauf der Kritiker. Natürlich braucht auch ein Politiker eine gewisse Zeit, um bemerkenswerte Stationen auf seinem Lebensweg zu sammeln. Daher sind jene, deren Parlamentslaufbahn mit 22 oder 23 Jahren begonnen hat, im Nachteil gegenüber jenen gereiften Frauen und Männern, die nach der parlamentarischen Zwangspause von 1933 bis 1946/47 (Landtage) oder gar 1949 (Bundestag) wieder einen Wählerauftrag bekamen. Doch wird das Handbuch allen gerecht, denn es verfolgt die Lebensläufe nicht nur bis zum Ende des Mandats, sondern auch nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag weiter bis 2002 oder aber bis zum Tod. Zwar sind die meisten der Volksvertreter, die nicht erst im Rentenalter den Plenarsaal - in Bonn - verlassen haben, aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden. Aber die allermeisten scheinen dennoch ihr Auskommen gefunden zu haben, ein wesentlicher Teil sogar ein reichhaltigeres als zur Zeit der Diäten. Vor allem der Wechsel in die Geschäftsführung von (Wirtschafts- und Industrie-)Verbänden wird sich zu allen Zeiten gelohnt haben.

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