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Rezension: Sachbuch : Gewisse Eigenständigkeit

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Der Centralverband des Bankgewerbes im "Dritten Reich"

          Harold James: Verbandspolitik im Nationalsozialismus. Der Centralverband des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes 1932 bis 1945. Piper Verlag, München 2001. 313 Seiten, 68,- Mark.

          Der Bundesverband deutscher Banken, der mit dem 17. Bankentag in diesem Jahr in die deutsche Hauptstadt Berlin zurückgekehrt ist, hat den Zeitpunkt dazu genutzt, ein trübes Kapitel seiner Vergangenheit aufzuarbeiten: die Verbandsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus. Das verdient Respekt.

          Vor hundert Jahren, am 10. März 1901, war in Berlin der Centralverband des deutschen Bank- und Bankiersgewerbes gegründet worden. Wie diese freie Interessenvertretung nach der Bankenkrise von 1931 geschwächt in den Sog nationalsozialistischer Politik geriet, schildert Harold James. Die Studie gehört nicht zu den Meisterleistungen des renommierten, aber auch vielbeschäftigten amerikanischen Historikers. Vieles zu diesem Thema hat man schon detaillierter gelesen, zum Beispiel in dem Buch von Christopher Kopper über die deutsche Bankenpolitik.

          Die Studie macht gleichwohl deutlich, daß sich das Bankgewerbe vor 1933 - im Gefolge der Depression, der Währungsturbulenzen und der Bankenkrise - wachsender, zum Teil auch antisemitischer Kritik gegenübersah, die bei den Nationalsozialisten zur Kampfansage gegen die "Zinsknechtschaft" wurde. Mehr noch: Unter den Banken selbst gab es über die Ursachen, die zur Bankenkrise führten, und über die Wirtschaftspolitik erhebliche Auffassungsunterschiede - bis hin zu persönlichen Animositäten sowie der Unterscheidung zwischen seriösen Bankiers und spekulierenden Finanziers. Bezeichnend erscheint, daß es ein weitblickender kluger Bankier mit politischem Instinkt wie Max Warburg ablehnte, an die Spitze des Bankenverbandes zu treten. Er sah die Verwerfungen und spürte die heraufziehenden Gefahren.

          Das Bank- und Finanzgewerbe war den Nationalsozialisten von Anfang an suspekt und blieb es nach der Gleichschaltung. So wurde selbst 1942 noch einmal von dem "Führer-Stellvertreter" Martin Bormann ein Komitee zur Untersuchung des Bankwesens eingesetzt. Es sollte unter anderem auch feststellen, inwieweit die Politik der Banken mit der NS-Ideologie vereinbar war.

          Die Studie zeigt am Beispiel des Centralverbands noch einmal den Prozeß der Gleichschaltung der deutschen Wirtschaft und ihrer Institutionen, wobei die Banken längere Zeit - vor allem unter Reichsbankpräsident Schacht - eine gewisse Eigenständigkeit bewahren konnten. Die Geschichte des Bankenverbandes spiegelt schließlich das wider, was sich unter der NS-Diktatur auch anderswo vollzog: den moralischen Verfall der bürgerlichen Schichten, die aus Überzeugung oder opportunistischer Anpassung zu Hitlers willfährigen Helfern wurden.

          Dafür steht vor allem die Figur des letzten Repräsentanten der Banken im "Dritten Reich", des Freiherrn von Schröder vom Hamburger Bankhaus Schröder, eines wenig bedeutenden Bankiers, der sich frühzeitig mit den Nationalsozialisten verband. Schröder brach 1936 als erster Bankier das Tabu und sprach öffentlich über die notwendige Arisierung jüdischer Banken. Seiner jüdischen Sekretärin kündigte er mit dem Vorwurf, ihre Abstammung verheimlicht zu haben.

          Durch den Plan zur Regionalisierung der Großbanken verband sich Schröder mit den Machtinteressen der Gauleiter. Persönlich verschaffte er sich zielstrebig Aufsichtsratsmandate in der Industrie. Nach Kriegsende schwärzte Schröder dann bei seinen Vernehmungen durch amerikanische Offiziere die Vorstände der Großbanken an. Nach sechsmonatiger Internierung wurde er schließlich im Rahmen der Entnazifizierung 1948 zu drei Monaten Haft und zu 500 000 Mark Geldstrafe verurteilt, die sich nach Berufung auf 60 000 DM verringerten.

          Tragisch waren nicht die Umstände, unter denen sich der Abstieg des Bankenverbandes vollzog - wie es in der Einleitung heißt. Tragisch waren die Einzelschicksale der zum Teil jüdischen Repräsentanten des Finanzgewerbes, die seit 1933 verfolgt und verjagt wurden. Daß es auch in dem von Nationalsozialisten beherrschten Bankenverband 1943 Leute wie den Ökonomen und Journalisten Keiser gab, der sich Gedanken über die Wirtschaftspolitik nach dem Krieg machte, verwundert nicht, wenn man an Ludwig Erhards Memorandum und ähnliche Papiere anderer Ökonomen denkt. Ob die Verfasser dabei wirklich in jedem Fall an eine Nachkriegszeit ohne Hitler dachten oder nur an ein modifiziertes System, muß offenbleiben. Am Gesamturteil über den Bankenverband in jenen Jahren kann das nichts ändern.

          JÜRGEN JESKE

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