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Rezension: Sachbuch : Getrieben von kalter Angst

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Ein israelischer Historiker über Wehrmachtsverbrechen im Zweiten Weltkrieg

          4 Min.

          Omer Bartov: Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges. Deutsch von Karin Miedler und Thomas Pfeiffer. Rowohlt Verlag, Reinbek 1995. 335 Seiten, 42,- Mark.

          In einem Augenblick, in dem das vereinigte Deutschland sich anschickt, erstmals wieder außerhalb seiner Grenzen militärische Verantwortung zu übernehmen, erscheint ein wissenschaftliches Buch, das auf höchst unbequeme, ja provozierende Weise an die alte Wehrmacht erinnert. Es ist schon das zweite Buch des jungen israelischen, in den Vereinigten Staaten lehrenden Militärhistorikers Omer Bartov über die Wehrmacht, und es wird mit Sicherheit ebensoviel Aufsehen erregen wie das erste. Untersuchte Bartov in seinem früheren, nur auf englisch erschienenen Buch die "Barbarisierung" von drei an der Ostfront eingesetzten deutschen Divisionen, so gilt dieses Buch der Wehrmacht "als Ganzes". Konnte man gegen seine früheren Forschungen vielleicht noch einwenden, daß drei Divisionen nicht unbedingt für die ganze Wehrmacht exemplarisch seien, so ist dieser Einwand jetzt nicht mehr möglich.

          Die Wehrmacht sei, so der völlig zutreffende Ausgangspunkt von Bartovs Darstellung, kein Zufluchtsort vor dem NS-Regime gewesen, sondern dessen integraler Bestandteil, ja dessen wirkungsvollste Stütze. Daher auch der Titel seines Buches. Bartov behauptet, daß das von der Forschung bisher nicht erkannt worden sei, weil man "bislang die falschen Fragen gestellt" habe. Er geht sogar so weit zu behaupten, daß man in Deutschland "gemeinhin" (!) die historischen Tatsachen verdrehe und die Soldaten an der Ostfront als Hitlers Opfer, nicht als seine willfährigen Instrumente ansehe. Das ist schon etwas verblüffend angesichts der Tatsache, daß vor allem Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes die Unschuldslegende der Wehrmacht schon seit den frühen siebziger Jahren in Frage stellen. Bartov zitiert ihre Forschungen denn auch ausgiebig. Längst kann daher kein Zweifel mehr bestehen, daß die Völker der Sowjetunion für die deutsche Invasionsarmee "keine Kameraden" waren. Die Wehrmacht führte im Osten einen bewußt völker- und kriegsrechtswidrigen Vernichtungskrieg. Daß unzählige deutsche Soldaten in der Sowjetunion "gehorsam und kritiklos an ,legalisierten' Verbrechen" teilgenommen haben, ist deshalb keine so neue wissenschaftliche Erkenntnis mehr. Was Bartovs Buch aber so interessant macht, ist sein Versuch, die "Barbarisierung" der deutschen Soldaten an der Ostfront nicht mehr nur zu konstatieren, sondern erstmals auch zu erklären. Er stellt dazu vier Erwägungen an. In einem ersten Kapitel verweist er auf die "Entmodernisierung der Front". Nach den ersten großen Siegen im Bewegungskrieg erstarrte die Ostfront zunächst in einem Stellungskrieg, um dann in einem verzweifelten Rückzugskrieg zu enden. Für den einzelnen Soldaten bedeutete das, gegenüber einem immer moderner ausgerüsteten Feind unter immer primitiveren Bedingungen ums Überleben kämpfen zu müssen. Für Bartov steht fest, daß dieser Prozeß der Entmodernisierung das Verhalten der Truppe zunehmend brutalisiert habe. Eine zweite Überlegung gilt der sich auflösenden Gruppensolidarität in den Wehrmachtseinheiten der Ostfront. Es gibt hier die Theorie von der sogenannten Primärgruppe, wonach der kameradschaftliche Korpsgeist der militärischen Einheiten die Truppe an der Ostfront zusammenhielt. Bartov weist demgegenüber eindrucksvoll nach, daß die massenhaften, schließlich in die Millionen gehenden Verluste den ursprünglichen Gruppengeist völlig zerstört und die Wehrmacht immer mehr zu einem zusammengewürfelten Haufen gemacht hätten. Einsamkeit und Verzweiflung hätten erheblich dazu beigetragen, den Landser in seinem Verhalten gegenüber Zivilisten und Kriegsgefangenen zu enthemmen.

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