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Rezension: Sachbuch : German Goldilocks

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Der "Council for a Democratic Germany" in New York

          3 Min.

          Ursula Langkau-Alex, Thomas M. Ruprecht (Herausgeber): Was soll aus Deutschland werden? Der Council for a Democratic Germany in New York 1944- 1945. Quellen und Studien zur Sozialgeschichte, Band 15. Campus Verlag, Frankfurt am Main und New York 1995. 315 Seiten, 88,- Mark.

          Wenige Wochen vor der alliierten Landung in der Normandie trat im fernen New York der "Council for a Democratic Germany" zusammen. Deutsche Emigranten - neunzehn Mitglieder des Initiativkomitees und über sechzig Anhänger - äußerten sich zur Zukunft ihres Vaterlandes, zumal "das deutsche Volk nicht selbst für sich sprechen" könne.

          In der Erklärung vom 3. Mai 1944 war die Rede von den "Massen der deutschen Nazi-Gegner" in Deutschland, der notwendigen Bestrafung der Kriegsverbrecher, der Rückgabe der eroberten Gebiete, der Wiedergutmachung der "angerichteten Schäden durch Sachleistungen" sowie der "Aufhebung der Rassengesetze". Plädiert wurde für die politische und ökonomische Einheit Deutschlands und für eine von den Alliierten unabhängige Nachkriegsregierung, die "die Grundrechte der Deutschen ohne Verzug" in Kraft setzen sollte: "Der Sieg der Vereinten Nationen kann und muß die äußere Macht des Nationalsozialismus über das deutsche Volk brechen; aber nur das deutsche Volk selbst kann sich innerlich von ihm befreien."

          Sowohl diese Deklaration wie zehn andere Dokumente, die - spärlich kommentiert - erstmals publiziert und durch acht qualitativ recht unterschiedliche Aufsätze eingeleitet werden, zeugen weder von besonderer Kenntnis über die tatsächlichen Zustände im "Dritten Reich" noch von einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt der Kriegsgegner des nationalsozialistischen Deutschlands. Demgegenüber dürfen allerdings die Verfasser größtes Interesse beanspruchen: unter anderen der namhafte Religionswissenschaftler Paul Tillich und der durch die "Dreigroschenoper" weltberühmt gewordene Bertolt Brecht. Außerdem unterzeichneten die Deklaration Bühnenstars der Weimarer Republik wie Elisabeth Bergner, Fitz Kortner und Peter Lorre, Regisseure wie Erwin Piscator und Leopold Jessner, Autoren wie Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann oder auch der Otto-Braun-Vertraute und spätere Erste Bürgermeister von Hamburg, Herbert Weichmann.

          Allerdings fehlte der prominenteste Emigrant in den Vereinigten Staaten, der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Gerade um ihn hatte man sich in der Gründungsphase des "Council for a Democratic Germany" besonders bemüht, zumal da er bereits durch die vom Deutschlanddienst der BBC übertragenen Appelle an die "Deutschen Hörer!" zum Sturz Hitlers aufgerufen hatte.

          Nachdem sich Stalingrad-Kriegsgefangene und Vertreter der Exil-KPD am 13. Juli 1943 zum "Nationalkomitee Freies Deutschland" formiert hatten, kam es dem Psychoanalytiker und "Neu Beginnen"-Funktionär Karl B. Frank alias Paul Hagen darauf an, "eine Balance" in New York zu dem Komitee in Moskau zu schaffen. Am 6. August 1943 teilte jedoch Thomas Mann mit, daß ihm ein Zusammenschluß aller politischen Strömungen des Exils als voreilig und zu patriotisch erscheine: "Niemand fragt uns nach unserer Meinung. Wir sind einerseits enemy-aliens, andererseits ,premature Antifascists' und gar nicht beliebt." Hagen fand daraufhin mit Paul Tillich eine neue Galionsfigur und gleichzeitig einen Vorsitzenden für die Gründung des "Council" am 25. März 1944.

          Heftige Kritik an der Mai-Deklaration übte die aus Exilanten gebildete "German Labour Delegation" in New York, die in der "Neuen Volks-Zeitung" von einem weiteren "Stalin-Coup" sprach. Noch weiter ging Ruth Fischer, die mittlerweile zur unerbittlichen Kommunistenjägerin geläuterte langjährige KPD-Reichstagsabgeordnete, mit ihrer Formulierung vom stalinistisch unterwanderten "Free German Comitee in New York".

          Aus einem anderen Grund fand Kriminalschriftsteller Rex Stout, der die Thesen des ehemaligen britischen Diplomaten Sir Robert Vansittart über den deutschen Volkscharakter verinnerlicht hatte und sich der Unterstützung des deutschen Exil-Schriftstellers Emil Ludwig bediente, die "Rettet-Deutschland-Kampagne" von Hagen und Tillich sogar schockierend. In den "1500 Worten der Deklaration" ließe sich kein Wort des Bedauerns über die Grausamkeiten und Massenmorde finden. Der "Council" ging auf diesen ernstzunehmenden Vorwurf erst im Januar 1945 ein und zeigte sich damit "nur wenig sensibel" - wie Claus-Dieter Krohn in seinem ausgezeichneten Aufsatz zur Organisationsgeschichte feststellt. Auch Wolfgang Benz kommt in seiner Untersuchung über die Behandlung von Rechts- und Verwaltungsfragen im entsprechenden Ausschuß des "Council" zu dem keineswegs schmeichelhaften Ergebnis, daß gesellschaftliche Vorbilder der Exilländer wenig in Betracht gezogen worden seien zugunsten der schwer nachvollziehbaren Vorstellung, im Nachkriegsdeutschland "die Demokratisierung durch autoritäre Maßnahmen zu fördern und zu schützen".

          Den Emigranten im "Weimar on the Hudson", die sich mehrheitlich gegen den Vorwurf der Kollektivschuld der Deutschen stellten und für ein "erneuertes, demokratisches Deutschland" eintraten, wurde mit den Teilungsbeschlüssen der Konferenz von Jalta im Februar 1945 die Grundlage für den angestrebten überparteilichen Konsens entzogen. Denn Albert Norden und die beiden anderen Kommunisten im Vorstand des "Council" verlangten sofort, aus der Deklaration vom Mai 1944 das Postulat von der Einheit Deutschlands zu streichen. Daraufhin gab es allein zur Jalta-Konferenz sechs unterschiedliche Verlautbarungen im Bulletin des "Council", der schließlich nach der Konferenz von Potsdam im August 1945 zerfiel. Vor den Verlockungen des "Council for a Democratic Germany" hatte das "Office of Strategic Services" 1944 in einem Memorandum gewarnt, das im Titel die Bedeutung der Emigration für die amerikanisch-britisch-sowjetische Nachkriegsplanung ironisch, aber treffend umschrieb: "German Goldilocks and the Three Bears". RAINER A. BLASIUS

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