https://www.faz.net/-gqz-6qdij

Rezension: Sachbuch : Gerechter unter Mördern

  • Aktualisiert am

Judenmord und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz

          2 Min.

          Thomas Sandkühler: "Endlösung" in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941-1944. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 1996. 592 Seiten, Abbildungen, 58,- Mark.

          Im Distrikt Galizien des Generalgouvernements Polen wurden unter deutscher Besatzung mindestens 520000 Juden ermordet. Thomas Sandkühler hat dieses düstere Kapitel der NS-Vernichtungspolitik auf breiter Quellengrundlage beschrieben und dabei den Versuch unternommen, die verschiedenen Ebenen der Entscheidungsfindung zu analysieren, die den organisierten Massenmord in den Jahren nach 1940/41 zur Folge hatte. Aufschlußreich dabei ist, daß es im Generalgouvernement "Endlösungs"-Entwürfe schon vor der berüchtigten Wannsee-Konferenz Ende Januar 1942 gab. Den Massenerschießungen durch Sonderformationen von Sicherheitspolizei und SD, so belegt Sandkühler, waren zum Beispiel Pläne vorausgegangen, die darauf abzielten, die Juden des Distrikts in die weißrussischen Pripjetsümpfe zu treiben und bei Trockenlegungsarbeiten umkommen zu lassen ("Vernichtung durch Arbeit").

          Die sogenannte "Endlösung" begann mit der ghettomäßigen Erfassung der jüdischen Bevölkerung, der Einrichtung von Zwangsarbeitslagern und Massenerschießungen. Das anfängliche unkoordinierte Nebeneinander wurde rationalisiert und vereinheitlicht. So begann man die "arbeitsunfähigen" und "kranken" Juden zu erschießen beziehungsweise im Prozeß der fortschreitenden "Endlösung" in den Vernichtungslagern bis in den Herbst 1942 ohne Unterbrechung umzubringen. Die "arbeitsfähigen" Juden wurden zunächst ausgesondert, bekamen Ausweise und wurden als "Arbeitsjuden" in Rüstungsbetrieben oder anderen kriegswichtigen Unternehmen eingesetzt. Am Ende spielten aber auch Nützlichkeitserwägungen keine Rolle mehr. Alleiniges Ziel war die Vernichtung.

          Bemerkenswert sind die von Thomas Sandkühler aus den Akten des Bundesarchivs und der Justizbehörden zusammengestellten Biographien der Angehörigen des SS- und Polizeiapparates, die in Ostpolen in die Mordaktionen verwickelt waren. Eine ganze Anzahl dieser Männer, denen später "hemmungslose Brutalität", "fanatischer Antisemitismus" und "mangelndes Gewissen" testiert wurden, ist nach 1945 als verschollen gemeldet worden und galt als untergetaucht. Es waren nur wenige, die man vor Gericht stellen konnte. Von diesen wurde zwar eine ganze Reihe des Mordes überführt, das Strafmaß hielt sich jedoch in Grenzen. "Lebenslänglich" wurde vergleichsweise nur selten von den Gerichten verhängt. Die meisten der Verurteilten sind im übrigen vorzeitig entlassen worden.

          Nicht alle, die im Osten tätig waren, sind Mörder oder Mordhelfer gewesen. Es hat auch Ausnahmen gegeben, Männer und Frauen, die sich widersetzten und Sand im Getriebe der "Endlösungs"-Funktionäre waren. Berthold Beitz zum Beispiel ist einer jener Männer, die durch ihre Einstellung und ihr moralisches Verhalten bewiesen, daß es auch ein "anderes" Deutschland gegeben hat. Zu Recht hat man ihm wie anderen "Judenrettern" in den letzten Jahrzehnten in der "Allee der Gerechten" in Jerusalem zum ewigen Gedenken an ihr Tun in den Jahren des Holocaust einen Baum gepflanzt.

          Die Bemühungen von Berthold Beitz, der als leitender Angestellter einer Erdölfirma im ostgalizischen Boryslaw tätig war und zahlreiche Juden vor der Vernichtung rettete, werden von Thomas Sandkühler ausführlich gewürdigt. Seine Hilfsaktionen erinnern an diejenigen Oskar Schindlers, dem Steven Spielberg ein filmisches Denkmal gesetzt hat. Auch unter schwierigsten Umständen, so lehrt uns das Verhalten dieser beiden Männer, gibt es Menschen, die sich verweigern und Zivilcourage beweisen - und dadurch künftigen Generationen zum Vorbild werden.

          Bei allen Verdiensten ist das vorliegende Buch aber doch in einer Hinsicht problematisch, und zwar deshalb, weil der Autor zwei Themen zusammenbindet, die eigentlich nicht zusammengehören. Der organisierte Massenmord ist ein Thema, die Hilfe, die Menschen wie Berthold Beitz den Juden geleistet haben, ein anderes. Im vorliegenden Buch sind beide Themen unverhältnismäßig gewichtet. JULIUS H. SCHOEPS

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) stürmen in Calw während einer Übung in eine Tür (Archivbild).

          Wehrbeauftragte Eva Högl : „Es wäre falsch, das KSK aufzulösen“

          Das Kommando Spezialkräfte wird grundlegend reformiert, um rechtsextreme Umtriebe künftig unmöglich zu machen. Die Wehrbeauftragte war bei der „Höllenwoche“ des Verbands dabei. Ein Gespräch über ihre Eindrücke.
          SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach

          SPD-Gesundheitsexperte warnt : Lockdown möglicherweise schon in wenigen Wochen

          Die jetzigen Einschränkungen reichten nicht aus, um einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen zu verhindern, sagt Karl Lauterbach laut einem Bericht. Er fordert mehr Homeoffice und eine Aufteilung von Schulklassen. Auch der Außenhandelsverband warnt vor einem neuen Lockdown.

          Verbannung beim FC Arsenal : Warum Mesut Özil polarisiert und spaltet

          Mesut Özil wird beim FC Arsenal nicht mehr gebraucht. Sein Verhalten auf und neben dem Platz wirft Fragen auf, auf die es keine Antworten gibt. Denn Politik lässt sich nicht mit Fußballschuhen vermessen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.