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Rezension: Sachbuch : Gegen Hitler und für die Notstandsgesetze

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Die Frage, "was geschehen wäre, wenn ein Teil der bürgerlichen Parteien ihre Zustimmung verweigert hätte", hat sich Felder oft gestellt. An der Gewerkschaftsführung unter Theodor Leipart läßt er kein gutes Haar. Aber auch die SPD-Reichstagsfraktion klammerte sich verzweifelt an jeden Strohhalm. Während zahlreiche Abgeordnete in Schutzhaft saßen, die Führung emigriert war, stimmte sie am 17. Mai Hitlers "Friedensresolution" zu. Noch einmal versammelten sich 73 Mitglieder der Fraktion am 10. Juni zu einer Sitzung in Berlin. Parteiarbeit war längst nicht mehr möglich. Eifrig stenographiert Felder mit, überträgt das Protokoll in Maschinenschrift, hütet es wie einen Schatz. Es ist die einzig "authentische Aufzeichnung" dieser Sitzung, in der Kurt Schumacher für einen Ausgleich mit der emigrierten Parteiführung plädierte.

Nach dem Parteiverbot flüchtet Felder nach Österreich, Anfang 1934 in die Tschechoslowakei. Im Mai kehrt er heimlich nach München zurück und findet eine Anstellung. Die Gestapo scheint ihn vergessen zu haben. Sie kam dann - nach einer Denunziation - "in der Frühe um fünf Uhr". Ende November wird Felder in das KZ Dachau "überstellt", ist dort wie seine Leidensgenossen sadistischen Quälereien ausgesetzt, überlebt den "Bunker" und die "Kiesgrube". Anfang 1936 öffnet sich das Lagertor: "Ich habe diesen Revers (niemals mehr politisch tätig zu sein), wie viele andere Gefangene auch, unterschrieben, weil ich hinaus wollte. Ich wollte überleben und da nicht zugrunde gehen." Als Buchhalter überlebt der entlassene KZ-Häftling die braunen Jahre, von der Verhaftungswelle nach dem 20. Juli 1944 wie durch ein Wunder verschont.

Als Lizenzträger von den Amerikanern in Augsburg 1945 übergangen, wird Felder 1946 mit der Lizenz Nr. 18 Mitherausgeber des "Südost-Kuriers" in Bad Reichenhall. Das Blatt reüssiert nicht. Die "Alteigentümer" fordern Druckerei und Zeitungsgebäude zurück. Ein Zusammenspannen mit dem Passauer Verleger Hans Kapfinger kommt für Felder nicht in Frage. Das Ende ist bitter: "Die Demokratie hat nicht nur eine Zeitung, sondern einen ihrer mutigsten Vorkämpfer verloren", schreibt der bayerische Ministerpräsident Hoegner anläßlich der Einstellung des Blattes zum 1. Januar 1955. Schließlich folgt Felder einem Ruf der Parteiführung nach Bonn. Ohne viel Federlesen bringt Felder den "Neuen Vorwärts" auf Kurs.

Im September 1957 in den Bundestag gewählt, erhält der Chefredakteur die erbetene "freundliche Entlassung". Die späte parlamentarische Karriere endet mit der 5. Wahlperiode 1969. Das "Ja" zu den Notstandsgesetzen am 30. Mai 1968 hatte er sich abgerungen. Helmut Schmidt berief sich in der Schlußdebatte auf das "Nein" im März 1933: "Aus jener damaligen Erfahrung heraus", so der sozialdemokratische Fraktionsführer, wolle der ältere Kollege der Grundgesetzänderung zustimmen. Die "persönliche Erfahrung" wurde allgemein respektiert, überzeugte eine Minderheit der Fraktion jedoch nicht.

Als Wahlmann nahm der Sozialdemokrat einmal noch an einer Bundesversammlung teil, am 23. Mai 1994 bei der Wahl des Bundespräsidenten. Diese Rückkehr in den Reichstag, der nun Reichstagsgebäude hieß, bewegte den bald 94jährigen.

Die Kürzel MdR und MdB zierten stets seine (bis ins hohe Alter selbstgeschriebenen) Briefe. Das Buch ist ein gelungener Festbeitrag zum 100. Geburtstag Felders. Es läßt einen Mann "in langen Zitaten" zu Wort kommen, der vieles zu berichten hat. Es erinnert an einen Politiker und Journalisten, der sich selbst nicht für so wichtig hielt, Memoiren niederzuschreiben.

MARTIN SCHUMACHER

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