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Rezension: Sachbuch : Gefügige Russen, tote Japaner

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Im Höllenofen der Atombombe begann der Kalte Krieg

          Gar Alperovitz: Hiroshima. Die Entscheidung für den Abwurf der Bombe. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bauer, Fee Engemann, Suzanne Annette Gangloff, Cornelia Langendorf, Annemarie Lösch und Edith Nerke. Hamburger Edition, Hamburg 1995. 860 Seiten, 78,- Mark.

          Der britische Physik-Nobelpreisträger Blackett bezeichnete den Abwurf der Atombomben auf die zwei japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki als erste Kriegshandlung des beginnenden Kalten Krieges. Diese These vertritt auch der amerikanische Historiker Gar Alperovitz. Punkt für Punkt geht Alperovitz die Argumente durch, die als Rechtfertigung für den Atombomben-Einsatz vorgebracht worden sind, insbesondere daß er den Krieg schneller beendet und dadurch vielen Menschen das Leben gerettet habe; die Zahlenangaben über die rein theoretisch geretteten Menschenleben wuchsen im Laufe der Zeit von einigen Zehntausenden auf eine Million an. Für Alperovitz beruht diese Argumentation auf einer falschen Prämisse, nämlich, daß es tatsächlich zu einer Invasion des japanischen Mutterlandes gekommen wäre. Eine solche Invasion aber war nicht notwendig. Denn als Folge der Seeblockade und der Flächenbombardements war Japans Fähigkeit zur Kriegführung im Mai 1945 schon fast geschwunden; wirtschaftlich und militärisch - vielleicht mit Ausnahme der in China operierenden Kwantung-Armee - sei Japan zu diesem Zeitpunkt bereits am Ende gewesen, so Analysen amerikanischer Nachrichtendienste. Der amerikanischen Regierung sei auch - durch dechiffrierten japanischen Funkverkehr - bekannt gewesen, daß Japan mit Zustimmung des Kaisers an die Sowjetunion um Vermittlung für Friedensgespräche mit den Vereinigten Staaten herangetreten sei. Die von Stalin zugesagte Teilnahme am Krieg gegen Japan, das heißt ein Einmarsch sowjetischer Truppen in die Mandschurei und dadurch die Bindung der dort stationierten japanischen Einheiten, hätte Japan politisch und militärisch den Todesstoß versetzt. Ein Umstand war es, der Japan davon abhielt, zu kapitulieren: die Ungewißheit über zukünftigen Status und Schicksal des Kaisers; und dieser Umstand hätte leicht durch eine Klärung der Formel "bedingungslose Kapitulation" behoben werden können, wie es Truman ja auch von verschiedenen Seiten vorgeschlagen worden war.

          Den Ausschlag für die Zerstörung zweier japanischer Städte gab ganz anderes. Die Entwicklung in Polen und auf dem Balkan nach der Besetzung durch sowjetische Truppen hatte die Vereinigten Staaten erkennen lassen, wie gering ihre Einwirkungsmöglichkeiten waren; der zu erwartende Abzug der amerikanischen Truppen aus Europa würde die Position des Westens noch weiter schwächen. Im Hinblick auf Asien hatten die Vereinigten Staaten Stalin bedrängt, bald in den Krieg gegen Japan einzutreten. Der Besitz der Atomwaffe veränderte die Situation radikal; er macht die Vereinigten Staaten praktisch unangreifbar; und ihr Einsatz machte das Eingreifen der Sowjetunion in den Krieg gegen Japan überflüssig. Er sicherte damit also die Position der Vereinigten Staaten in Asien. Truman ließ den Zeitpunkt der Potsdamer Konferenz verschieben, um Gewißheit über die Einsatzfähigkeit der Bombe zu haben. Sein Verhalten auf der Konferenz (ein Teilnehmer: er sei "ein anderer Mensch" gewesen, nachdem er die Nachricht über den erfolgreichen Test erhalten hatte), zum Beispiel in der Ablehnung einer klärenden Klausel zur bedingungslosen Kapitulation und in der Reparationsfrage, war eine Machtdemonstration gegenüber Moskau, die durch den zweifachen Einsatz der Atombombe bekräftigt wurde. Alperovitz hält Byrnes für den entscheidenden Mann hinter den Kulissen.

          Alperovitz hat eine Unmenge Quellenmaterial zu einer oft minutiösen Rekonstruktion des Geschehens verarbeitet. Er räumt jedoch ein, daß einige wichtige Fragen offenbleiben, entweder weil noch nicht alle Dokumente für die Forschung freigegeben sind oder - wie er fürchtet - weil Unterlagen vernichtet worden sind. Alperovitz, Vertreter der "revisionistischen" Geschichtsschreibung, bedauert, daß es in den Vereinigten Staaten bisher keine "Vergangenheitsbewältigung" im Hinblick auf die politische und moralische Bewertung des Atombomben-Einsatzes gegeben habe. In einem besonderen Kapitel legt er dar, wie es durch gezielte und "bearbeitete" Veröffentlichungen (zum Beispiel die Memoiren des damaligen Kriegsministers Stimson) gelungen sei, der amerikanischen Öffentlichkeit Fakten und Stellungnahmen vorzuenthalten und so eine "Legende" über den Einsatz der Bombe zu schaffen. Die Studie von Alperovitz - umfassend, glänzend dokumentiert, gelegentlich etwas konstruiert in der Beweisführung, sehr kritisch gegenüber der offiziellen Darstellung, aber aufschlußreich und geradezu spannend - wird nicht die letzte zu diesem Thema sein. Doch werden künftige nicht an ihr vorbeigehen können. HANS KLUTH

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