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Rezension: Sachbuch : Gefangener der Voreingenommenheit

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Nur auf Akten der Stasi gestützt: Die DDR-Kontakte westdeutscher Journalisten

          Hubertus Knabe: Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien. Propyläen Verlag, Berlin/München 2001. 592 Seiten, 49,90 Mark.

          Das Buch konnte sich der Aufmerksamkeit der Medien gewiß sein. Das Thema, die Umstände der Veröffentlichung und die außergewöhnliche Virtuosität des Autors beim Spiel auf der medialen Klaviatur waren hierfür Garantie. Ob der Inhalt dieses Interesse rechtfertigt, ist dagegen zweifelhaft. Knabe fragt eingangs, weshalb sich die westdeutschen Medien während der Entspannungspolitik von den "klarsichtigen Urteilen über die SED-Herrschaft, die in den fünfziger Jahren die westdeutsche Presse bestimmten", verabschiedet und ein immer rosigeres Bild der DDR-Wirklichkeit gezeichnet hätten. Um das zu erklären, befaßt er sich mit den DDR-Kontakten zahlreicher Westjournalisten. Er tut dies ganz überwiegend auf der Grundlage von Berichten inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. In vielfältigen Formen treten dem Leser Blauäugigkeit, Kumpanei und Opportunismus, manchmal auch ideologische Nähe zur SED entgegen. Zahllose Details aus dem deutsch-deutschen Beziehungsgeflecht werden ausgebreitet - in einigen Fällen ist das Wort "Verstrickung" durchaus angebracht.

          Leider bleibt Knabe durchweg Gefangener seiner Voreingenommenheit. Er hat sich auf ein Deutungsmuster festgelegt, und steht unter dem Zwang, Belege für seine seit Jahren verkündete Botschaft von der "unterwanderten" Bundesrepublik zu liefern. Dabei läßt sein distanzloser Umgang mit den Stasi-Unterlagen nicht nur jede Quellenkritik vermissen; er verzichtet auch auf die Berücksichtigung von Gegenüberlieferungen, Zeitzeugenaussagen und zumeist sogar der gängigen Literatur. Die methodische Sorglosigkeit zeigt sich besonders in den Kapiteln über die "Nebendiplomatie" journalistischer "Ostkontakter" im Vorfeld der neuen Ostpolitik. Vor allem ein Kriterium scheint die Auswahl der endlos kompilierten Aktenzitate bestimmt zu haben: ihre Eignung zur Diskreditierung der westlichen Akteure.

          Von den historischen Zusammenhängen erfährt der Leser dagegen kaum das Allernötigste. So gelingt es dem Autor zwar, die neue Ostpolitik insgesamt ins Zwielicht zu tauchen, nicht aber eine ernstzunehmende Darstellung der Vorgänge zu liefern. Quellenkritik hätte zumindest das Eigeninteresse der Berichtenden abwägen müssen, die vor ihren Führungsoffizieren, Vorgesetzten und Auftraggebern gut dastehen wollten. Knabe übernimmt die Berichte statt dessen so, wie sie sind. Zum Beispiel wird der Berliner Korrespondent Hansjakob Stehle (erst F.A.Z., dann "Stern" und "Zeit"), der bei den ersten Passierscheinverhandlungen für Egon Bahr einige Male als Nachrichtenüberbringer fungierte, laut Knabe "nach der Übernahme des Außenministeriums durch die SPD in den Rang eines offiziellen ostpolitischen Beraters erhoben - mit direktem Zugang zu Regierungsgremien, in denen die Außenpolitik der Bundesregierung beraten und entwickelt wurde". Das ist zwar Unsinn, aber Zweifel an der Zuverlässigkeit der IM-Quelle Hans-Joachim Seidowsky befallen den Autor nicht.

          Angesichts der vermeintlichen Hochrangigkeit des Gegenstands erhält das folgende Kapitel, das die weiteren Seidowsky-Stehle-Kontakte behandelt, die vermessene Überschrift "Gläserne Ostpolitik". Hier rächt es sich, daß Knabe die zeithistorische Literatur souverän übergeht. Standardwerke wie Peter Benders "Neue Ostpolitik" oder Arnulf Barings "Machtwechsel" erhalten nicht einmal einen Platz in der Bibliographie. Selbstzeugnisse von Beteiligten oder leicht zugängliche westliche Quellen wie die mittlerweile bis 1970 reichende Edition der "Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland" bleiben gänzlich unbeachtet.

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