https://www.faz.net/-gqz-6q2tb

Rezension: Sachbuch : Freischwimmer von rechts

  • Aktualisiert am

Zwielichtiger Gelehrter oder Gelehrter im Zwielicht: Carl Schmitt war nicht Hitlers "Kronjurist"

          8 Min.

          Andreas Koenen: Der Fall Carl Schmitt. Sein Aufstieg zum "Kronjuristen des Dritten Reiches". Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995. 991 Seiten, 128,- Mark.

          Wie ist es zu erklären, daß Carl Schmitt, ein Staatswissenschaftler, der mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches sein Lehramt aus politischen Gründen verlor und danach 40 Jahre im Abseits des öffentlichen Lebens und des Wissenschaftsbetriebes seiner Disziplin verbrachte, auch heute noch, zehn Jahre nach seinem Tode, der meistdiskutierte, ebenso umstrittene wie bewunderte Theoretiker seines Fachgebietes geblieben ist?

          Eine Antwort auf solche Fragen verlangt neben dem Überblick über sein Gesamtwerk auch die Untersuchung seines Verhaltens im Dritten Reich. Um die innere Versöhnung mit seinem Leben, die ja auch eine Versühnung sein mußte, hat er wohl bis zum Ende kämpfen müssen. Die Bitterkeit eines solchen Ringens wird nicht dadurch gemildert, daß es in der Lautlosigkeit des Selbstgesprächs vor sich geht. Sein "Glossarium" - Tagebuchnotizen aus den Jahren 1947-1951, von Eberhard Freiherr von Medem 1991 in einer vorzüglichen, dem Anspruch von Kritikern und Bewunderern des Gelehrten gleichermaßen gerecht werdenden Publikation - enthält gewiß wichtige, bisher nicht erörterte Aufschlüsse darüber, wie Carl Schmitt mit seiner Vergangenheit umgegangen ist und unter welchen Perspektiven er seinen Weg in die zweite Hälfte des Jahrhunderts eingeschlagen hat.

          Konkreten Aufschluß über Carl Schmitts Verhalten im Dritten Reich gibt sein "Glossarium" freilich nicht. Die kürzlich erschienene, aus einer Dissertation hervorgegangene umfangreiche Untersuchung über den "Fall Carl Schmitt" und seinen "Aufstieg zum Kronjuristen des Dritten Reiches" von Andreas Koenen, eine Biographie seiner politischen Existenz, ist insofern ein Gewinn für alle, die sich mit dem wissenschaftlichen und politischen Schicksal dieses Gelehrten auseinandersetzen. Leider - aber das war wohl nicht Aufgabe dieser Arbeit - gibt diese Untersuchung kein Bild seines privaten Lebens; insofern besitzt sie nicht eigentlich biographischen Charakter. Eine unglaubliche Vielzahl von Quellen verwandeln zudem die Darstellung in einen Stausee, in dem der Ablauf auch wichtiger Entwicklungen nicht leicht zu verfolgen ist, beispielsweise die Rolle Schmitts als "Kronjurist" des Dritten Reiches. Die Bezeichnung selbst entstammt dem Artikel eines Emigranten in einer Schweizer Zeitschrift und ist eher als moralische Verurteilung denn als Bezeichnung einer Tatsache gemeint; der Autor wollte Schmitt damit bloßstellen. Das ist ihm auch gelungen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großprojekt in Brandenburg : Der Aufstand im Tesla-Wald

          Erst stoppen Umweltschützer die Rodungsarbeiten, dann klettern Kapitalismuskritiker auf die Bäume: Sind Großprojekte wie die Tesla-Fabrik in Deutschland überhaupt noch machbar?
          Ein deutsches U-Boot im Mai 1945 im Bunker in St. Nazaire

          Die letzten Kriegswochen : Kämpfe um deutsche U-Bootbasen

          Gefechte um noch von der Wehrmacht gehaltenen Stützpunkte in Westfrankreich bleiben folgenlos. Argentinien protestiert gegen das Festhalten seiner Diplomaten durch Deutschland. Der 18. Februar 1945 in der F.A.Z.-Chronik.
          Der „200. Dresdner Abendspaziergang“ des ausländerfeindlichen Bündnisses Pegida hatte vor der Frauenkirche auch zahlreiche Gegendemonstranten auf den Plan gerufen.

          Pegida-Demo in Dresden : Höckes Angst vor Merz

          Thüringens AfD-Chef sprach am Montagabend anlässlich des 200. „Abendspaziergangs“ der islam- und regierungsfeindlichen Bewegung Pegida vor mehreren tausend Menschen in Dresden. Etwa genauso viele protestierten gegen die Veranstaltung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.